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Versenkt und vergessen

Dienstag, 23. April 2013

Im Rahmen eines besonderen Themenabends zeigt Arte an diesem Dienstag um 20.15 Uhr die Dokumentation ‘Versenkt und vergessen’. Um 21.10 Uhr folgt der Film ‘Atomfriedhof Arktis’.

Siehe dazu der folgende Bericht aus der SZ von heute

Thema des Tages
Zeitbomben im Nordmeer

Regierungen wiegeln ab, doch Experten sind überzeugt: Was da an atomarem Müll auf dem Boden der Arktischen See und des Atlantiks liegt, ist keine ferne Bedrohung mehr. Die Katastrophe ist schon da

Von Michael Bauchmüller, Bastian Obermayer und Thomas Reutter

Still ruhen die U-Boote, versenkt und vergessen. K-159 etwa, gesunken 2003 in der Barentssee. Oder aber K-27, Anfang der Achtzigerjahre in der Karasee in die Tiefe geschickt. Sie gehören zu den vielen Tonnen von sowjetischem Atommüll, der auf dem Meeresgrund liegt, umschwänzelt von Fischen, bekraucht und bewachsen von allerhand Meeresgetier und -pflanzen: insgesamt drei Atom-U-Boote, mindestens 17000 Container mit Atommüll, 19 absichtlich versenkte Frachter mit radioaktiven Abfällen, 14 verklappte Atomreaktoren von U-Booten und Eisbrechern, zum Teil noch mit Kernbrennstäben bestückt. Eine tickende Zeitbombe.

Wie ernst die Lage ist, belegen Entwürfe für einen Bericht an den russischen Staatsrat, die ein Team von Arte und SWR ausgegraben hat und die auch der SZ vorliegen. Danach drangen schon 2011 die Behörden darauf, mindestens K-159 und K-27 bis zum nächsten Jahr zu bergen. Es drohe die ‘Gefahr einer Umweltkatastrophe durch fehlende Schutzbarrieren’, mehr noch: Es bestehe die ‘hohe Wahrscheinlichkeit einer unkontrollierten Kettenreaktion’. Bis 2014 müsse das Programm zur Bergung ‘vorbereitet und realisiert’ werden.

Auch Sergej Antipow, Vize des russischen Strahlenschutz-Instituts, hat in einem heimlich mitgeschnittenen Vortrag in Moskau vor einer solchen Kettenreaktion gewarnt und auf die sofortige Bergung mindestens der K-27 gedrungen. Doch einstweilen ruht das Schiff weiter auf dem Grund der Karasee. Die offizielle Version Moskaus heißt noch immer: Von nichts auf dem Meeresgrund gehe akut die Gefahr einer Atomkatastrophe aus.

Auch die Bundesregierung sieht derzeit keine Gefahr. Untersuchungen der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) zufolge sei der Einfluss versenkter Abfälle auf die radioaktive Kontamination ‘nicht signifikant’, heißt es in der Antwort auf eine Anfrage der Grünen aus dem vorigen Sommer. ‘Der Bundesregierung liegen keine Untersuchungen vor, die auf Gefahren hinweisen.’ Experten wie Wolfgang Renneberg, lange Jahre oberster Atomaufseher der Republik, sehen das kritischer. ‘In vielen Fällen’, sagt er, ‘ist die Katastrophe schon da.’ Auch die EU-Kommission stuft die Lage bei den U-Booten als ‘besorgniserregend’ ein.

Die Versenkung von atomarem Müll im Meer galt über viele Jahre als sichere und vor allem einfachste Methode, den gefährlichsten Müll loszuwerden. Von 1946 an haben sich insgesamt 14 Staaten daran beteiligt, erst 1993 wurde die Verklappung geächtet. Gemessen an der Strahlendosis – jedenfalls der, die dokumentiert ist – hat niemand davon so viel Gebrauch gemacht wie die Sowjetunion, dicht gefolgt von Großbritannien. Während die Sowjets die Arktische See und Teile des Pazifiks zur Deponie machten, wählten die Briten den Nordost-Atlantik. Auch die Schweiz und Belgien kippten dort fleißig Müll ab.

Die Verlockung war groß. Selbst wenn die zubetonierten Atommüllfässer ihre Fracht freigeben würden, so nahm man an, würde die extreme Verdünnung im Meer bewirken, dass es keinerlei gesundheitliche Schäden gäbe. Vor allem aber war es der billigste Weg der Entsorgung.

Die deutsche Beteiligung an der Atommüllverklappung begann im Mai 1967 im niedersächsischen Emden: Der britische Frachter Topaz wird im Emdener Hafen beladen, insgesamt wird das Schiff mehr als 10000 Tonnen strahlender Altlast etwa 400 Kilometer vor der portugiesischen Küste ins Meer werfen, 4000 Meter ist es dort tief. Der deutsche Anteil daran ist säuberlich festgehalten in einer für den Zoll gefertigten amtlichen ‘Ausfuhranzeige’ vom

22. Mai 1967. Die Fässer, so räumt die Bundesregierung heute ein, seien für einen dauerhaften Einschluss des radioaktiven Materials nicht konzipiert gewesen. ‘Insofern muss davon ausgegangen werden, dass sie zumindest teilweise nicht mehr intakt sind und Radionuklide freigesetzt wurden.’

Der deutsche Anteil an den internationalen Atommüll-Abfällen zur See geht allerdings gegen null. Laut Daten der IAEA ist Deutschland für 0,2 von insgesamt 85000 Terabecquerel Strahlenaktivität verantwortlich. Alle deutschen Kernkraftwerke bräuchten fast zwei Millionen Jahre, um so viel Müll zu produzieren, wie im Meer lagert.

Doch die aktuell größte Gefahr liegt in einer atomaren Kettenreaktion in den versunkenen U-Booten. ‘Ökologisch, ethisch und wegen der Gefahr eines möglichen Terroranschlags’ sei der Verbleib auf dem Meeresboden kaum zu vertreten, soll Strahlenschützer Antipow intern gewarnt haben. Für russische Verhältnisse sind solche Aussagen sensationell, angesichts des insgesamt eher laxen Umgangs mit nuklearen Altlasten.

Vielleicht ist man auch in Russland nun vom Ausmaß der Bedrohung beeindruckt: Allein an Bord von K-159 befindet sich mehr radioaktives Material als im maroden Schacht Asse: Hunderte Kilo hochangereichertes Uran sind noch in den Reaktoren. Auch im Stahlmantel von K-278, genannt Komsomolets, lagern eineinhalb Tonnen hochangereichertes Uran und zwei Torpedos samt atomarer Sprengköpfe. Messungen belegen, dass aus beiden U-Booten längst Radioaktivität entweicht.

Die Bergung gilt nicht nur intern im russischen Strahlenschutz-Institut als einzige Lösung, auch etliche Experten sehen das ähnlich. Das Problem: Eine Bergung ist teuer. Eine russische Militärfirma hatte sich damit schon befasst und dem Kreml ihre Berechnungen vorgelegt, allein, es kam nie zum Auftrag. Vielleicht liegt das an den geschätzten Kosten: 62 Millionen Euro pro Atom-U-Boot. Sie auf dem Meeresgrund liegen zu lassen, kostet dagegen nichts.

Sollten die U-Boote dereinst tatsächlich geborgen werden, kämen möglicherweise auch deutsche Fachleute zum Einsatz. Experten der bundeseigenen Energiewerke Nord (EWN) zerlegen gerade in der Nähe von Murmansk die überirdischen Reste der sowjetischen Nordmeerflotte. ‘Ein Vorzeigeprojekt’, sagt EWN-Chef Henry B. Cordes. Nach jahrelanger Arbeit wären die EWN-Leute Ende 2014 fertig. Es ist nicht damit zu rechnen, dass es unter Wasser, in vielen Hundert Metern Tiefe, schneller ginge.

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