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„Und wenn die Welt voll Teufel wär …“ – Luther 1521 auf dem Reichstag von Worms

Rezension des neuen Buches von DT-Autor Klaus-Rüdiger-Mai

Von Josef Kraus

Ist das Thema „Luther“ nach dem Lutherjahr 2017 „ausgeluthert“? Nein, keineswegs, denn 2017 blieben vor lauter Verneigung vor politisch korrekten Themen Fragen des Glaubens, der Verbundenheit mit Christus, der politischen Umstände der Reformation und der Bedeutung der Gemeinde als Ort des Glaubens nachrangig. Insofern ist das mittlerweile dritte Buch von Klaus-Rüdiger Mai über Luther (nach „Martin Luther – Prophet der Freiheit“ von 2014 und „Gehört Luther zu Deutschland?“ von 2016) eine wichtige Ergänzung zu 2017, vor allem aber ist es ein umfassender Blick auf die 500. Wiederkehr des Reichstages von Worm im Jahr 1521 und damit auf ein wahrlich weltbewegendes Datum.

Klaus-Rüdiger Mai, den Lesern der „Tagespost“ bekannt als Kommentator und Essayist vor allem in Fragen des christlichen Glaubens und der aktuellen Kirchenpolitik verbindet zwei Talente: Er ist ein glänzender Erzähler, und er ist ein versierter politischer und theologischer Kopf. Diese fruchtbare Verbindung merkt man seinem neuesten Buch an. Mais aktuelles Werk hat den Titel „Und wenn der Welt voll Teufel wäre – Luther auf dem Reichstag von Worms.“ Es ist ein sehr gründliches Werk, was wenige Zahlen belegen mögen: Umfang 355 Seiten, 318 Belege, rund 300 Angaben im Literatur- und Quellenverzeichnis, dazu ein sehr hilfreiches Personenverzeichnis mit fast 400 Namen

Das Buch beginnt mit einem Ereignis, das gut hundert Jahre vor 1521 geschah.

Der böhmische Theologe und Reformator Jan Hus hatte 1415 von Kaiser Sigismund die Zusage des freien Geleites erhalten, wie später Luther von Karl V., war aber dennoch in Konstanz anlässlich des dort stattfindenden Konzils als Ketzer verbrannt worden. Es ist dies ein psychologisch interessanter Einstieg, den Mai wählt, denn er lässt erahnen, in welch inneren Konflikt, ja in welch lebensbedrohliche Lage sich Luther mit seiner Reise von Wittenberg nach Worm begeben haben mag. Am 2. April 1521 jedenfalls tritt der seit dem 3. Januar 1521 exkommunizierte Martin Luther, zu diesem Zeitpunkt 37 Jahre alt und noch nicht verheiratet, seine 600-Kilometer-Reise von Wittenberg über Erfurt, Gotha und Eisenach zum Reichstag nach Worms an. Nur etwas mehr als eine Woche weilte Luther in Worms. Sein Auftritt war „nur“ ein Punkt auf der gewaltigen Agenda eines Reichtages, der vom 27. Januar bis 26. Mai 1521 dauerte und dessen Oberster der gerade einmal 19 Jahre alte, eben erst in Aachen gekrönte Kaiser Karl V. war.

Um die Reise selbst geht es Mai weniger. Natürlich kommen die Strapazen zur Sprache. Aber vor allem geht es Mai um die politischen Umstände von „Worms“. Der Reichstag selbst und Luthers Auftritt dort machen nur rund ein Zehntes des Buches aus. Aber die Umstände und die Art, wie Mai sie analysiert und darstellt, machen dieses Buch zu einer gewinnenden Lektüre, die bei Lesern Bekanntes oder Vergessenes auffrischt, vor allem aber Neues hinzufügt.

Wir können hier nicht alles aufgreifen, was Autor Mai aufgreift: die Zwei-Regimente-Lehre, die Rechtfertigungslehre, Luthers disputative Auseinandersetzung mit Johann Eck, die katastrophalen hygienischen und kriminellen Umstände in der Stadt Worms während des Reichstags, Luthers 21 Tage währendes freies Geleit nach seiner Abreise aus Worms, seine lange und kreative Rast vom 2. Mai 1521 bis zum 1. März 1522 nach der Rückkehr von Worms auf der Wartburg, Luthers Reichsacht vom 8. Mai 1521 („Wormser Edikt“), mit der er für vogelfrei erklärt wurde usw. Zu all dem wird man im Mai-Buch kundige Erläuterungen finden. Natürlich auch die weltberühmten Sätze „Mönchlein, Mönchlein, du gehst jetzt einen Gang, dergleichen ich und mancher Oberst auch in unser aller ernstesten Schlachtordnung nicht getan haben“ und (je nach Überlieferung) „Ich kann nicht anders, hier stehe ich, Gott helfe mir, Amen.“ Leider wenig zur Sprache kommt der Satz, der den Haupttitel des Buches abgibt: „Und wenn die Welt voll Teufel wäre.“ Es ist dies erste Verse der 3. Strophe des Wochenlieds „Ein feste Burg ist unser Gott“ – eine Anspielung auf das Evangelium von Matthäus 4,1–11 bzw. die Versuchung Jesu durch den Teufel

Greifen wir die für Luther sehr bedeutenden „Gravamina der deutschen Nation (lat. „Gravamina nationis germanicae“, erstmals 1456) heraus – eine ab Mitte der 15. Jahrhunderts nach und nach entstehende Sammlung von Beschwerden aus dem deutschen Sprachraum „wider den päpstlichen Hof“. Ihre Gegenständewaren die materielle Schädigung der deutschen Lande durch Rom, die Einflussnahme Roms auf die Besetzung kirchlicher Ämter und Pfründen im Reich und – ganz klar – die Geldzahlungen für kirchliche Akte etwa in Form des Ablasshandels. Man wollte die Prachtentfaltung der Renaissancepäpste stoppen.

Bis zum Reichstag von Worms hatten sich die „Gravamina“ auf die stolze Zahl von 102 aufsummiert. Luther kannte die „Gravamina“ natürlich bestens, 1520 hatte er sie in seiner Schrift „An den christlichen Adel deutscher Nation“ aufgegriffen. Er beschleunigte damit sehr wohl, dass politische und Reformationsbewegungen ineinander übergingen, denn auch Reichstage befassten sich immer wieder mit den „Gravamina“. Auf dem Reichstag von 1523 in Nürnberg etwa wurden die Gravamina zu 74 Artikeln zusammengestellt. Kaiser Karl V. versprach, diese dem Papst zu unterbreiten.

Nicht nur am Rande: Die „Gravamina“ waren, auch wenn Deutschland erst viel später zu einer „verspäteten Nation“ wurde, zugleich ein erster Ansatz eines nationalen, deutschen Selbstverständnisses. Ulrich von Hutten etwa hat 1518/19 anstelle der Türken oder Frankreichs den Papst als Gegner der „teutschen Freiheit“ identifiziert. Zur Erinnerung: Konstantinopel war im Jahr 1453 von den Türken erobert worden. Für die Eindämmung des osmanischen Reiches hatten Päpste an neue Kreuzzüge und für deren Finanzierung an „Türkensteuern“ gedacht. Wie auch immer: Ohne die „Gravamina“ der deutschen Nation hätte die Nation auf Luther nicht geantwortet, wäre die Reformation nicht gekommen.

Worum ging es Luther in Worms? Luther wollte den Unterschied zwischen äußerer Kirche, der Amtskirche, und innerer Kirche, Gemeinschaft mit Jesus, deutlich machen. Für Luther bestand die größte Gefahr für die äußere Kirche in der Veräußerlichung, der Selbstsäkularisation, im Funktionärwerden ihrer Amtsträger, in der Entmachtung und der Marginalisierung der Ortsgemeinden. Luther kämpft 1521 in Worms überhaupt gegen den politischen Machtanspruch der Kirche, gegen ihre Verweltlichung, gegen die feudal lebenden Renaissancepäpste. Christ zu sein, bedeutete für ihn zuallererst, Christus zu folgen.

Ist die Kirche eine Institution des Glaubens oder der Macht? Diese Frage bewegte Luther, und sie bewegt den Autor Klaus-Rüdiger Mai. Deshalb auch vor Jahren Mais Buch „Geht der Kirche der Glaube aus?“ aus dem Jahr 2019. Besonders interessant im aktuellen Buch ist Mais “Epilogus“. Mai stellt – quasi rhetorisch – die Frage: Was wäre, wenn Luthers Kirchenbann und Exkommunikation heute aufgehoben würden? Und er antwortet fragend und zugleich sibyllinisch: Welche katholische Kirche? Diese sei ja recht eigentlich erst in Trient mit dem Konzil von 1545 bis 1563, also nach Luthers Tod (1546) entstanden. Mai weist auch den Begriff „Gegenreformation“ zurück, denn auch in der katholischen Kirche wurde intensiv über eine Reform der Kirche nachgedacht.

Alles in allem: Das Buch „Und wenn die Welt voll Teufel wäre: Martin Luther in Worms“ belegt erneut, wie sich zwei Merkmale Mai’scher Schreibkunst vereinen:

das streng historische und theologische Analysieren sowie das romanhafte Schreiben. Der Protestant Mai erweist sich dabei nicht als eine Art Hardcore-Lutheraner, sondern – siehe seine anderen Schriften – als einer, der auch dem Katholizismus, sogar dem einen oder anderen Papst einiges abzugewinnen vermag. Vor allem aber warnt er die katholische Kirche aus leidvoller Erfahrung mit seiner Kirche davor, den Weg in Richtung politisierter NGO einzuschlagen. Hier ist Mai wieder Wormser Lutheraner.

Klaus-Rüdiger Mai

Und wenn die Welt voll Teufel wär: Martin Luther in Worms 

Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 1. November 2020

Foto: Klartext.LA (Josef Kraus)