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Tickende Zeitbomben Untertage?

28. Jul. 2013, 17:38

In stillgelegten Zechen im Ruhrgebiet soll hochgiftiger Sondermüll

gelagert sein. Der Abfallexperte und Biochemiker Harald Friedrich erklärt,

warum es sich um eine tickende Zeitbombe handelt. Von Johannes Nitschmann

In stillgelegten Schächten von vier Ruhrgebietszechen sollen Hunderttausende Tonnen

giftigen Sondermülls lagern. Der renommierte Abfallexperte und Biochemiker Harald

Friedrich hat die Gefahrenpotenziale dieser Altlasten jetzt in einem Gutachten für einen vom

Bergbau geschädigten Landwirt im westfälischen Bergkamen untersucht. Der 61-jährige

Wissenschaftler war zwischen 1996 und 2006 zehn Jahre lang im NRW-Umweltministerium

als Abteilungsleiter für Abfallwirtschaft, Bodenschutz und Wasserwirtschaft tätig und zählte

zu den engsten politischen Vertrauten der damaligen Umweltministerin Bärbel Höhn (Grüne).

Das Gutachten trägt den Titel: “Die Risiken und langfristigen Umweltauswirkungen des

untertägigen Versatzes von gefährlichen hochtoxischen Sonderabfällen in den Bergwerken

der Steinkohle NRW.” Der Auftraggeber Hermann Schulze-Bergcamen will das Gutachten

demnächst Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) übergeben. So lange unterliegen die

konkreten Gutachtenergebnisse einem Sperrvermerk.

Im Interview spricht der Gutachter über seine dramatischen Gesamtbefunde bei der

hochriskanten Sondermüllentsorgung in den Ruhrgebietszechen.

Die Welt: Herr Friedrich, in den stillgelegten Schächten von vier Ruhrgebiets-Zechen sollen

mehr als 700.000 Tonnen hochtoxischer Filterstäube aus Müllverbrennungs- und

Industrieanlagen lagern. Der Bund für Umwelt und Naturschutz hört da “eine gigantische

Zeitbombe” ticken. Halten Sie diesen Alarm für begründet?

Harald Friedrich: Bei gründlicher Analyse und Würdigung der tatsächlichen Sachverhalte in

den Steinkohlebergwerken ist die Einschätzung begründet. Seine Warnungen an die

Ruhrkohle AG sind mehr als berechtigt. Der Bergbautreibende und die Bergbehörden sind

bei vollem Bewusstsein ein Risiko eingegangen, das sie offensichtlich weder technisch noch

in ihren umweltökologischen Folgen überblickt haben. Wäre diese Sonderabfallverklappung

unter der Aufsicht des Abfall- und des Wasserrechts erfolgt, hätte bereits nach einigen

Sekunden der Vorprüfung das Ergebnis festgestanden, dass ein solches Ansinnen nicht

genehmigungsfähig ist.

Die Welt: Die Abfälle hätten tatsächlich in eine Sonderdeponie gehört?

Friedrich: Nach Abfallrecht wären diese Sonderabfälle in die Hochsicherheitsdeponie im

Steinsalz nach Herfa-Neurode gebracht worden, auf keinen Fall in eine Zeche, die nach

Beendigung des Bergbaus mit Wasser geflutet wird. Der Unterschied bei der Ablagerung

gefährlicher Sonderabfälle in einem Bergwerk oder einer Hochsicherheitsdeponie im

Steinsalz entspricht in etwa einem Kartenhaus im Vergleich zum Bundesbank-Tresor.

Die Welt: In welchen Zechen lagert der Abfall?

Friedrich: Es sind Schachtanlagen in den Regionen Gelsenkirchen, Bergkamen und am

Niederrhein. Konkret geht es um die stillgelegten Zechen Consolidation, Haus Aden und

Walsum, die ursprünglich ihren Anfang in Duisburg hatte und sich mittlerweile unterirdisch

auf die Stadtgebiete von Dinslaken, Voerde und Kamp-Lintfort ausgedehnt hat.

Die Welt: Welche Gifte enthält der Müll?

Friedrich: Es handelt sich bei den eingelagerten Abfällen um das Giftigste vom Giftigen, was

als Sonderabfall in einem mitteleuropäischen Land anfällt. Die Filterstäube aus

Hausmüllverbrennungsanlagen stellen die Schadstoffsenke des Verbrennungsprozesses dar.

Alle im Abfall enthaltenen Stoffe wie zum Beispiel die giftigen Schwermetalle Cadmium und

Blei, die Krebs erzeugenden polyaromatischen Kohlenwasserstoffe und die bei der

Verbrennung entstehenden Giftstoffe wie Dioxine und Furane werden in der Schadstoffsenke

als Filterstaub abgeschieden. Es gehört schon eine gewisse Kaltschnäuzigkeit dazu, ein

aufkonzentriertes Gift-Abfall-Gemisch einer Schadstoffsenke wieder großräumig in der

Umwelt zu verteilen und möglicherweise riesigen Grundwasserleitern zugänglich zu machen.

Die Welt: RAG und Bergaufsicht versichern, der Giftmüll sei durch Dämme abgeschlossen

und könne somit gar nicht an die Oberfläche austreten.

Friedrich: Die RAG und die Bergbehörden können keinen sauberen technischen und

naturwissenschaftlich korrekt geführten Beweis für ihre Behauptung vorlegen. Das

Herunterbeten von Glaubensbekenntnissen hilft nicht bei seriösen Risikobetrachtungen. Die

Vierteljahresberichte zu den Einlagerungen in den Steinkohlebergwerken erfüllen nicht die

Anforderungen an eine überprüfbare und objektivierbare Dokumentation. An keiner Stelle

kann die RAG belegen, dass die Laboruntersuchungen, die für bestimmte UÅNberprüfungen

durchgeführt wurden, wirklich mit den Proben identisch sind, die der Bergbautreibende selbst

während der Sonderabfallverklappung gezogen hat.

Die Welt: Soll hier etwas vertuscht werden?

Friedrich: Wenn die RAG wirklich die Absicht gehabt hätte, die Einbauten der Sonderabfälle

nachvollziehbar und überprüfbar nachzuweisen, dann hätte sie die Überwachung dieser

Maßnahme objektivierbar organisiert. Aufgrund der tatsächlich erfolgten

Genehmigungssystematik und der UÅNberprüfungspraxis der Bergbehörden ist eine

objektivierbare UÅNberprüfung aber verunmöglicht. Man ist eindeutig davon ausgegangen, dass

kurz nach Einbau der Streckenabschnitt unter Tage einstürzt, sodass jegliche Nachprüfungen

von da ab unterbleiben müssen. Hier haben Bergbautreibender und Bergbehörden sehr

geschickt zusammengearbeitet, aber nicht zum Wohle einer objektiven Überwachung.

Die Welt: Sie befürchten, dass sich der durch Rohre in die Tiefe beförderte breiige Abfallstoff

irgendwann auflöst und ins Grundwasser gelangt?

Friedrich: Nein, das Gegenteil ist der Fall. Es ist vor Ort unter Tage an keinen Punkt der

Beweis angetreten worden, dass das angerührte Sonderabfallgemisch vor Ort wirklich

ausgehärtet ist. Die Möglichkeit, dass der Sonderabfall nach wie vor als viskoser Brei vor Ort

vorliegt, der seinerseits wasserlöslich ist, kann vom Bergbautreibenden RAG durch objektive

unabhängige Beweisführung nicht ausgeschlossen werden.

Die Welt: Gefährlich würde es für Wasser und Böden demnach erst, wenn die RAG nach

dem Auslaufen der Bergbausubventionen 2018 ihre Pumpen abstellt, um jährlich 200

Millionen Euro an Ewigkeitskosten einzusparen.

Friedrich: Ja, das ist richtig. Derzeit wird noch gesümpft, das heißt, das Grundwasser in den

Tiefenbereichen der Steinkohlebergwerke wird technisch an definierten Punkten gehoben.

Wenn jedoch mit Eintritt des Endes der Steinkohleförderung im Jahre 2018 die

Grundwasserabsenkung in den Bergwerken beendet wird, werden alle ausgebeuteten

Steinkohlebergwerke zwischen Kamp-Lintfort am Niederrhein und Dortmund/Hamm

absaufen. Diese Bergwerke stehen untereinander in physikalischer Verbindung, das heißt,

eine große geologisch und wasserwirtschaftlich zusammenhängende Landmasse wird unter

Tage wie eine riesige Anordnung von kommunizierenden Röhren miteinander in Verbindung

stehen und über unterirdische Strömungen den wässrigen Inhalt der ausgebeuteten

Bergwerke untereinander austauschen.

Die Welt: Der Giftmüll ist bereits in den 90er-Jahren in die Zechenschächte verbracht

worden. Offenbar ganz legal und mit Zustimmung der zuständigen Landesbehörden.

Friedrich: Bei der Bewertung der Legalität ist große Vorsicht angebracht. Eine Genehmigung

nach Bergrecht ist formaljuristisch eine rechtskräftige Genehmigung. Das Bergrecht an sich

ist aber kein den Umweltgesetzen vergleichbares Recht. Im Endergebnis kennt es nur die

hundertprozentige Durchsetzung der Interessen des Bergbautreibenden und keine ernst zu

nehmende Abwägung mit den öffentlichen Interessen und den Belangen des

Umweltschutzes. Dazu kommt leider noch, dass die das Bergrecht umsetzenden Mitarbeiter

der Bergbehörden nicht den im Vergleich mit anderen Behörden nötigen Abstand zu dem

Antragsteller, dem Bergbautreibenden, haben. Die Mitarbeiter der Bergbehörden legen

meistens ein Genehmigungsverhalten an den Tag, als seien sie lediglich vom Staat bezahlte

Befehlsempfänger des Bergbautreibenden.

Die Welt: Jedenfalls ist das Verbringen von Sondermüll in Bergwerke erst Ende der

90er-Jahre unter dem grünen Bundesumweltminister Jürgen Trittin bundesgesetzlich

untersagt worden. Trittin wollte ursprünglich gar nicht glauben, dass es in NRW solche

Entsorgungspraktiken gegeben hat.

Friedrich: Bei den Abstimmungsgesprächen zwischen den Bundesländern und dem

Bundesumweltministerium zur Schaffung einer bundesgesetzlichen Bergversatz-Verordnung

war ich in meiner früheren Position im nordrhein-westfälischen Umweltministerium als

Abteilungsleiter für Abfallwirtschaft, Bodenschutz, Wasserwirtschaft beteiligt. Die Mitarbeiter

der Umweltministerien aus den anderen Bundesländern wollten gar nicht glauben, was da –

wie sie sagten – “für eine Schweinerei” unter der Zuständigkeit des damaligen

Landeswirtschaftsministeriums in Düsseldorf angeblich genehmigt worden war.

Die Welt: Hat die RAG mit der Endlagerung des Sondermülls nach Ihren Erkenntnissen

schnelles Geld gemacht?

Friedrich: Eine Tonne dioxinhaltiger Filterstaub ist zu damaliger Zeit zu Preisen zwischen

500 und 800 Mark in den dafür nach Abfallrecht zugelassenen Sonderabfalldeponien

entsorgt worden. Die RAG hat mit ihrer nach sicherheitstechnischen Gesichtspunkten

betriebenen “Billigvariante” Millionensummen in dreistelliger Höhe verdient.

Die Welt: Es gibt Hinweise, dass die RAG offenbar Unterlagen vernichtet haben soll.

Friedrich: Mein Auftraggeber hat für das Bergwerk, das unter seinen Ländereien angeordnet

ist, alle Antragsunterlagen, Genehmigungsunterlagen, Begleitvermerke sowie Berichte über

Störfälle in meterlanger Aktenform ausgehändigt bekommen. Auf Nachfrage zur

Akteneinsicht der Sonderabfallverbringung in drei weiteren Bergwerken wurde vom

zuständigen Landesoberbergamt mitgeteilt, dass es reiner Zufall sei, dass die Unterlagen

über das beschriebene Bergwerk noch existierten und daher auch in kopierter Form

übergeben worden seien. Die Unterlagen über die Sonderabfallverklappung in den drei

anderen Bergwerken seien zwischenzeitlich vernichtet worden. Ich vermeide es, über den

Wahrheitsgehalt dieser amtlichen Aussage nachzudenken.

Die Welt: Halten Sie als Abfallexperte eine systematische Entsorgung aus den

Bergbauschächten für möglich?

Friedrich: Die RAG hat sich mit der Ablagerung von Sonderabfällen in vier

Steinkohlenbergwerken eine eigene Altlast systematisch aufgebaut, die in ihren

ökotoxikologischen Auswirkungen der Problematik mit der Altlast Asse in Niedersachsen

vergleichbar ist. Müsste diese Altlast saniert werden, das heißt der runtergebrachte

Sondermüll geborgen werden, was technisch unter großem Aufwand möglich ist, dann

würden diese Rückführungskosten die Einnahmen aus der Sonderabfallverbringung um

Größenordnungen übersteigen.

© Axel Springer AG 2013

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