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„Staade Zeit“? – Von wegen

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Die „Staade Zeit“, so wird in Bayern der Advent, die Vorweihnachtszeit auch genannt. Man bereitet sich auf das Fest vor, man freut sich darauf, ein besonderer Zauber liegt über den weihnachtlich geschmückten Städten. Vielleicht fallen auch ein paar Schneeflocken – mit jeder Flocke steigt die kontemplative Stimmung.

Soweit die Theorie. Denn die tatsächliche Praxis schaut doch oft ganz anders aus. Hektisch. Laut. Alles andere als besinnlich, beschaulich. Da werden Christkindlmarkt-besucher mit blecherner Musik beschallt, ja geradezu terrorisiert. Sa wabert das süßliche Gemisch aus Lebkuchen, Mandeln, Glühwein und Zuckerwatte über eben diese Märkt, ja ganze Städte – je nachdem wie der Wind gerade steht. Da rennen die Leute, vor allem an den – ganz wichtig – furchtbar langen Einkaufssamstagen, bepackt mit zig Plastiktüten, schimpfend, weil sie soweit zum Auto stapfen müssen,  gab es doch wieder keine Parkplätze in der Innenstadt. Staade Zeit?

Du wuseln ganze Heerscharen von Einkaufswilligen durch die Kaufhäuser, blockieren sich gegenseitig vor Verkaufsständen und Kassen. Und jeder bekommt immer mehr schlechte Laune, und steckt den nächsten damit an. Staade Zeit?

Zu Hause gibt es auch kaum ein Entrinnen in eine wirklich staade Zeit. Fernsehsender werben mit so genannten Trailern für ihr Weihnachtsprogramm, oft hammerhart, brutal, gruslig und schockierend. Da empfiehlt Alfons Schuhbeck die gefühlte 139. Zubereitungsart der Weihnachtsganz. Da verbreitet sich der akustische Terror, mit denen Advents-, Nikolaus- und Weihnachtsshows à la Mutanten-Stadel. Die gnadenlose, schwer erträgliche Gemütlichkeit grenzt dabei an Körperverletzung. Alles unter der Voraussetzung „Wir freuen uns aufs Christkind“ – auf Teufel komm raus, dabei grenzdebil und sinnfrei. Staade Zeit?

Ach – da gibt es ja noch die Vorfreude, die schon am Ende der Sommerferien beginnt. Beginnen soll. Der Einzelhandel schiebt seine Präsentationsbehälter in die Nähe der Kassen, prall gefüllt mit Lebkuchen, Schokolade, Nüssen und Christstollen.  Im Weinregal steht der Glühwein. Bei 30 Grad Schwimmbadtemperatur, Biergartenwetter und dem Sichten der Urlaubs-Strand-Fotos kommt alles andere als Weihnachtsstimmung auf.

Apropos Ernährung. Da gab es einmal folgenden, sich genauso abgespielten Dialog: „Und? Was macht ihr an Weihnachten?“ – „Also an Heilig Abend gibt’s Würstl mit Kraut, am Ersten haben wir die Pute mit Blaukraut und am zweiten gibt’s diesmal Rehrücken!“

Na denn – eine schöne staade Zeit wünscht der (Vor)Weihnachtsmuffel.