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Zustand

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Der Zustand unserer heutigen Welt ist krank und pervers; alles ist verkehrt und
auf den Kopf gestellt: Mediziner und Ärzte zerstören Gesundheit und Leben;
Lehrer und Professoren zerstören Bildung; Wissenschaftler zerstören Wissen;
Richter zerstören Recht und Gesetz; Banker zerstören Währung und Geld;
Politiker zerstören Freiheit und Staat; Journalisten zerstören Information. Die
Welt ist so, weil die Mehrheit der Menschen es zuläßt.

aufgewachter.wordpress.com/tag/zitate/

17. Jun. 2013, 7:27

Diesen Artikel finden Sie online unter

http://www.welt.de/117158006

Welt am Sonntag 16.06.13

An den Rand gedrängt und ausgedünnt. An den Schulen unerwünscht,

an den Unis verspottet. Schulterklopfen? Anerkennung? Nur bei

Hochwasser. Die Bundeswehr wird gern im Ausland und im

Katastrophenfall eingesetzt. An der Heimatfront aber hat sie zu kämpfen.

Von Ulrich Exner, Miriam Hollstein und Simone Meyer, Mitarbeit: Thorsten Jungholt und C.C. Malzahn

Jetzt werden sie wieder gebraucht. Als Sandsackträger, Menschenretter, Hab-und-Gut-

Verteidiger, Anpacker, Notreserve. 100 Liter Regen in 48 Stunden, alle Deiche wackeln.

Land unter zwischen Passau und Lauenburg. Katastrophenalarm, Drecksarbeit. Hoffen,

Bangen und noch ‘ne Schippe drauf.

Also: Her mit der Truppe, Kriseneinsatz Passau, Regensburg, Dresden

(Link: http://www.welt.de/themen/dresden-staedtereise/) , Pirna, Bitterfeld, Magdeburg, Hitzacker, wieder

Lauenburg, sogar die Kanzlerin ist äußerst dankbar. Soldaten waren in der vergangenen

Woche so ziemlich überall hochwillkommen. Aufräumarbeiten in Deggendorf, Dammbruch in

Hohenwarthe, Deicherhöhung in Mühlberg – die Armee ist immer da zur Stelle, wo die

anderen nicht mehr fertig werden mit ihrem Schicksal.

Wenn aber alles vorbei ist, wenn die braune Brühe abgelaufen und der letzte angespülte

Baumstamm von der Weide gezogen ist mit schwerem Gerät; wenn sie also wieder abtreten

können samt ihren verschwitzten Uniformen, dann tun viele so, als gebe es die Bundeswehr

gar nicht mehr. Ein “freundliches Desinteresse” hat der frühere Bundespräsident Horst

Köhler seinen Landsleuten im Umgang mit ihrer Armee unterstellt und mehr

“Aufmerksamkeit, Solidarität und Dankbarkeit für unsere Soldatinnen und Soldaten”

gefordert. Das war 2008.

Fünf Jahre später hat sich an dieser Zustandsbeschreibung wenig geändert. Jedenfalls

sehen das viele Soldaten so, Offiziere, die man anspricht und fragt, wie sie sich fühlen in

ihrer neuen Bundeswehrrepublik Deutschland (Link: http://www.welt.de/themen/deutschland-reisen/) . In

einem Land, in dem es keine Wehrpflicht mehr gibt und immer weniger Kasernen. In dem die

Wege weit werden zum nächsten Kriseneinsatz. Ein Land, in dem man keine übermüdeten

Häuflein junger “Rotärsche” mehr trifft am Sonntagabend im letzten Zug nach irgendwo.

Man werde insgesamt gesehen zwar schon ein wenig freundlicher behandelt als noch zu

Zeiten der alten Bundesrepublik, sagt ein Offizier der “Welt am Sonntag”. Damals, vor 1990,

sei er allein auf weiter Flur gewesen in seiner Klasse mit der Entscheidung für die

Bundeswehr, gegen den Zivildienst. Auf derart geballte Ablehnung treffe man heutzutage

nicht mehr. Aber wirkliches Interesse an der Arbeit der Armee? Respekt, Anerkennung,

vielleicht sogar echte Verbundenheit mit der Armee, wie er sie bei seinen Aufenthalten in

England oder den USA erlebt habe? Keine Spur. “Was man dort erlebt, können Sie mit

unseren Verhältnissen überhaupt nicht vergleichen.”

Unsere Verhältnisse. Aus der Wehrpflichtarmee, mit der fast jeder direkt oder indirekt, über

Freunde, Vereine, die Kaserne nebenan, sei es auch nur durch die Verweigerung oder den

schriftlichen Kontakt mit einem bürokratischen Ungetüm namens Kreiswehrersatzamt

irgendwie verbunden war, ist eine Freiwilligenarmee geworden, die sich mehr und mehr aus

der Fläche zurückzieht; die in vielen Gegenden nicht mehr präsent ist, schon gar nicht in den

großen Städten. In Hamburg (Link: http://www.welt.de/themen/hamburg-staedtereise/) , Berlin

(Link: http://www.welt.de/themen/berlin-staedtereise/) , Köln (Link: http://www.welt.de/themen/koeln-staedtereise/)

begegnet einem heutzutage kaum noch ein Mensch in Uniform, es sei denn, es ist November

und ein paar Versprengte mit Barett sammeln auf dem Markt mal wieder für die

KriegsgraÅNberfürsorge. Die Bundeswehr wollte und sollte eine Armee “in der Mitte der

Gesellschaft” sein. Stattdessen findet man sie immer häufiger an deren äußerstem Rand.

Eine ziemlich versteckte Truppe.

Munster, Heide, Niedersachsen, Niemandsland. Hier ist die olivgrüne Welt noch in Ordnung.

Bernd Schütt, 52 Jahre alter General der Panzertruppen und Kommandeur des hiesigen

Ausbildungszentrums, sitzt beim traditionellen Schützenessen der Gemeinde

selbstverständlich an der großen Ehrentafel, direkt neben dem ersten Gildeherrn. Schütt,

zugleich der Standortälteste, wird heute auch die Festrede halten. Grün-weiße Wimpel über

langer, rustikal gedeckter Tafel, die “Heidejäger” blasen gleich den “Suppenmarsch”.

Munster ist so etwas wie eine Insel der Glückseligen, eine fast perfekte Symbiose zwischen

Armee und Gesellschaft. Viertgrößter Bundeswehr-Standort in Deutschland, das

“Schaufenster des deutschen Heeres”, Garnisonsstadt seit 1983. Rund 16.000 Menschen

leben hier, mehr als 6000 Soldaten arbeiten in einer der fünf Kasernen. In jedem dritten

Haus, mindestens, wohnt einer, der irgendwie mit Militär zu tun hat. Der Bürgermeister hat 32

Die ungeliebte Armee

Die ungeliebte Armee – Nachrichten Print – WELT AM SONNTAG – DIE WELT Page 1 of 6

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Jahre als Ingenieur bei der Truppe gearbeitet. Die Vereine leben davon, dass Soldaten nach

dem aktiven Dienst in ihren Vorständen mitwirken.

Also nützt Schütt seine kleine Schützenfest-Rede, um Danke zu sagen, für die

Zusammenarbeit, für die “Gesten des Interesses”. “Diese Solidarität gibt uns den nötigen

Rückhalt und die Kraft, auch schwierige und zum Teil schwierige und gefährliche Zeiten und

Situationen zu überstehen.” Viel mehr erwarten Deutschlands Soldaten gar nicht von ihrem

Land, von ihrer Gesellschaft. Aber das erwarten sie tatsächlich.

Jenseits von Munster ist man von solch Geborgenheit weit entfernt. Zwar genoss die

Bundeswehr laut der jüngsten Studie ihres sozialwissenschaftlichen Instituts im Jahr 2012

bei 34 Prozent der Befragten ein “hohes” und bei 53 Prozent ein “durchschnittliches”

Ansehen. Wenn man die gleichen Personen anschließend danach fragte, wie sie das

Ansehen der Bundeswehr in der Gesellschaft insgesamt einschätzten, dann billigten nur

noch 14 Prozent der Armee ein “hohes” Ansehen zu. “Durchschnittlich” kam bei diesem

Frageansatz auf einen Wert von 66 Prozent, ein “geringes” Ansehen konstatierten 18

Prozent der Befragten. Manch einer wünscht die Truppe dann auch gleich ganz zum Teufel –

auch das hat ja eine gewisse Tradition hierzulande.

Das Robert-Blum-Gymnasium im Westberliner Stadtteil Schöneberg engagiert sich gegen

vieles: gegen Rassismus, gegen Cybermobbing – und gegen die Bundeswehr. Vor zwei

Jahren beschloss die Schulkonferenz, Vertretern der Bundeswehr den Zutritt zu verweigern.

Stolz wird auf der Homepage des Gymnasiums vermerkt, es sei damit “eine der ersten

Schulen Berlins, die sich klar gegen die Präsenz der Bundesarmee in der Schule ausspricht

und deren Werbeangebote deutlich ablehnt”. Darunter steht ein Link zum Jugendverband

des Deutschen Gewerkschaftsbunds.

Wie es zu dem Schritt kam, will Schulleiter Bernd Fiehn heute nicht mehr erklären. Auf eine

Interviewanfrage reagiert er nicht. Zum Vergleich: In den USA werden öffentlichen Schulen,

die den Besuch der US-Army ablehnen, schon mal die staatlichen Mittel gekürzt. Die Berliner

Schüler, Lehrer, Eltern können dagegen mit einem ordentlichen Maß an Anerkennung

rechnen für ihren Schritt. Zusammen mit zwei weiteren Schulen wurde ihnen der diesjährige

“Aachener Friedenspreis (Link: http://www.welt.de/themen/friedenspreis-des-deutschen-buchhandels/) ”

zugesprochen.

Der für die Verleihung zuständige Verein begründet die Auszeichnung mit seinem Wunsch,

“ein Signal gegen den Mainstream der Militarisierung in unserer Gesellschaft” zu setzen.

Dem Verein gehören unter anderem die Stadt Aachen, Misereor, der evangelische

Kirchenkreis sowie Vertreter von SPD und Grünen an, Parteien also, die die Bundeswehr-

Soldaten regelmäßig in Kriegseinsätze schicken.

Immerhin, ein für die Bundeswehr ermutigendes Detail gibt es doch am Rande der für den

September geplanten Preisverleihung. Eine der drei ausgezeichneten Schulen hat die

Annahme des Preises abgelehnt: “Wir wollen den Preis ganz einfach nicht und lassen uns

nicht für politische Statements missbrauchen”, teilte Alexandra Haußmann, die Leiterin der

Düsseldorfer Hulda-Pankok-Gesamtschule, dem Friedenspreisverein Anfang dieser Woche

schriftlich mit. Der 2010 gefasste Beschluss der Schulkonferenz gegen die Präsenz von

Bundeswehrvertretern sei “rechtswidrig und gegenstandslos”.

In Offenbach, an der Käthe-Kollwitz-Schule, steht man zum Truppen-Verbot im

Klassenzimmer. Dort heißt es zur Begründung: “Wir wollen nicht, dass unsere Schülerinnen

und Schüler für einen Krieg gegen andere Völker rekrutiert werden. Und wir wollen auch

nicht, dass sich die Bundeswehr als friedensschaffende Kraft anpreisen kann.”

Ein bemerkenswertes Statement einer öffentlichen, aus Steuermitteln finanzierten Institution,

die es sich offensichtlich zum Ziel gesetzt hat, eine andere öffentliche, ebenfalls aus

Steuermitteln finanzierte Institution daran zu hindern, ihrer – von einem demokratisch

gewählten Parlament – gestellten Aufgabe nachzukommen. Man muss das wohl nicht auf

Anhieb begreifen.

Geht es nach den Gegnern der Bundeswehr, werden solche Beispiele Schule machen. Das

bundesweit aufgestellte Bündnis “Schule ohne Militär” gibt auf seiner Website

Handlungsanweisungen. “Ihr sollt an einer Infoveranstaltung der Bundeswehr teilnehmen?

Werdet vielleicht sogar dazu gezwungen durch Androhung von Verweisen oder

Anwesenheitspflicht?”, wird dort gefragt. “Dann seid ihr hier richtig.” Widerstandswillige

Schüler können sich eine Power-Point-Präsentation sowie ein Antragsformular gegen die

Bundeswehrpräsenz an ihrer Schule herunterladen.

Wie wirksam diese Art von Anti-Werbung für die Bundeswehr sein kann, zeigt ein Vorfall am

Berliner John-Lennon-Gymnasium. Dort sollte ein Jugendoffizier auf Einladung eines Lehrers

vor einem Politik-Leistungskurs über das Thema “Terrorismus” referieren. Vereinbart war,

dass er keine explizite Werbung für die Bundeswehr machen würde.

Prompt gründeten Schüler ein “Streikkomitee”. Als der Jugendoffizier morgens die Schule

betreten wollte, musste er einen regelrechten Spießrutenlauf durch ein Spalier von Schülern

absolvieren, die auf Plakaten und Flugblättern eine “bundeswehrfreie Zone” forderten. Die

Begründung des Lehrers, er sei selbst Wehrdienstverweigerer, habe den Offizier aber als

Vertreter eines Verfassungsorgans eingeladen, ließen die Schüler nicht gelten.

© Axel Springer AG 2013. Alle Rechte

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“Das war nur eine kleine Gruppe trotzkistisch gesinnter Schüler”, erklärt tapfer Jochen

Pfeifer, Leiter des John-Lennon-Gymnasiums, den Zwischenfall. Er selbst lade seit Jahren

Jugendoffiziere an seine Schule ein und werde dies auch weiterhin tun. Dass andere

Schulen jegliche Bundeswehrpräsenz verbieten, findet Pfeifer “völlig grotesk”: “Die

Bundeswehr ist kein Privatunternehmen, sondern eine staatliche Organisation unter

parlamentarischer Kontrolle.”

Von so viel Einsicht war man Anfang April an der Berliner Humboldt-Universität weit entfernt.

Dort scheiterte der Versuch Thomas de Maizières kläglich, einen Gastvortrag zum Thema

“Armee der Einheit – der Beitrag der Bundeswehr zum gesellschaftlichen Zusammenhalt” zu

halten. Der Verteidigungsminister, noch frei von den Belastungen des Drohnen-Desasters,

wurde von den Studenten niedergeklatscht und mit Sprüchen der plumperen Sorte (“Nie

wieder Krieg. Nie wieder Deutschland”) niedergebrüllt. Vergleichbares hatte es zuvor bereits

an der Uni Leipzig gegeben, wo de Maizière aber immerhin noch eine 20-minütige

Diskussion über die Aufgaben der Truppe durchsetzen konnte.

Ein anderes Beispiel für die Abneigung der institutionalisierten Bildungsrepublik Deutschland

gegen ihre eigenen Militär-Dienstleister liefert die Zivilklausel-Bewegung in der deutschen

Hochschul-Szene. Ihre Protagonisten wollen möglichst viele Universitäten davon

überzeugen, auf Lehre und Forschung für militärische Zwecke zu verzichten. In

Niedersachsen galt eine entsprechende Verpflichtung schon einmal flächendeckend. Damals

hieß der amtierende Ministerpräsident Gerhard Schröder.

Heutzutage gelten Zivilklauseln unter anderem in Tübingen, Köln, Göttingen und Frankfurt

am Main. In der dortigen Goethe-Universität hat im März nach dem Hochschulrat und dem

Senat auch das Präsidium der Universität die Zivilklausel verabschiedet. Max Rudel, beim

AStA der Universität zuständiger Referent, freut sich: “Militärforschung hat an den

öffentlichen Hochschulen keinen Platz.” Und die Vizepräsidentin der Universität, Professorin

Tanja Brühl, ergänzt: “Ich freue mich, dass das universitäre Bekenntnis zur Friedfertigkeit in

der Goethe-Universität einen so großen Widerhall findet.”

Es geht auch noch drastischer: So rief der Berliner Landesverband der linken “Deutschen

Friedensgesellschaft” im Jahr 2010 unter dem Motto “Feste feiern, wie sie fallen” dazu auf,

am Ehrenmal der Bundeswehr in Berlin mit Champagner zu feiern, wenn ein

Bundeswehrsoldat in Afghanistan ums Leben komme. Nach massiver Kritik und

staatsanwaltlichen Ermittlungen distanzierte sich die Bundesführung der DFG von der Aktion.

Derart unappetitliche Hetze gegen Bundeswehr-Soldaten ist spätestens seit 1994 salonfähig.

Damals entschied das Bundesverfassungsgericht, dass der Autoaufkleber eines

Kriegsgegners mit dem Slogan “Soldaten sind Mörder” nicht das Recht der persönlichen

Ehre verletze, da “Mörder” hier nicht im Sinne der strafrechtlichen Definition von Mörder

gemeint sei. Das Gericht widersprach damit vorherigen Instanzen, nach deren Urteil der

Aufkleber Soldaten der Bundeswehr zu “Schwerstkriminellen und minderwertigen Gliedern

der Gesellschaft” degradiert.

Unter den politischen Parteien versucht vor allem die Linke, sich als “Anti-Bundeswehr-

Partei” zu profilieren. In ihrem Programm fordert sie ein Ende aller Militäreinsätze der

Bundeswehr, Teile der Partei wollen die Armee komplett abschaffen. Fraktionschef Gregor

Gysi bezeichnete den Afghanistan-Einsatz öffentlich als “Terrorismus”.

Im nächsten Jahr sind es wieder mehrere Hundert Soldaten aus Munster, die nach

Afghanistan geflogen werden. Familienväter, Muttersöhne, Geliebte, Fröhliche, nicht ganz so

Fröhliche. “Terroristen” werden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht dabei

sein.

Stattdessen Männer, und ein paar Frauen, die Weihnachten, Ostern und am Geburtstag der

Kinder ganz schön fehlen werden in Munster. Auch beim Sommerfest des Sportvereins und

als Sandsackschlepper bei der nächsten Flut. Die Panzerlehrbrigade 9 muss wieder los zum

Isaf-Einsatz. Als Leitbrigade, wie schon im Jahr 2011, vier Soldaten wurden damals verletzt,

Tote gab es Gott sei Dank keine.

Dennoch weiß man in Munster schon heute, wie genau eine Trauerfeier organisiert werden

müsste, falls einer gar nicht mehr zurückkehren sollte. “So etwas legt sich wie ein Schatten

über die Stadt”, sagt Lars Klingbeil, der örtliche SPD-Bundestagsabgeordnete. Schon

deswegen wüssten die Leute hier ziemlich genau, was den Beruf des Soldaten ausmache.

“Man hat eben ein Gesicht vor Augen.”

Berlin, Mitte, pulsierendes Zentrum der Republik. Wenn einem hier eine grüne Uniform

begegnet, dann ist es mit ziemlicher Sicherheit eine von der NVA. Oder von der Roten

Armee. Foto gefällig? Ein bisschen Mauergrusel dazu? Deutsche Geschichte,

menschenverachtende Geschichte als absurdes Kasperle-Theater.

Im sehr viel unwahrscheinlicheren Fall aber steht man Oberstleutnant André Wüstner

gegenüber. Er ist dann womöglich gerade in Tegel gelandet und ins

Verteidigungsministerium oder in die Geschäftsstelle des Deutschen Bundeswehrverbands in

Prenzlauer Berg gefahren. Der 39-Jährige ist einer von wenigen Bundeswehrangehörigen,

die in Berlin auch auf dem Weg zum Arbeitsplatz ihre Uniform tragen. Weil es einfach

praktischer sei, aber auch “weil ich zu meinem Beruf stehe, der sicher kein Beruf wie jeder

andere ist”.

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Den Preis dafür – Beleidigungen, in Berlin werden Uniformierte schon mal mit “Sieg Heil”

gegrüsst, dumme Sprüche auf offener Straße, erst recht im Internet, dazu das intellektuell

verbrämte Infragestellen seiner persönlichen moralischen Integrität – das nehmen Offiziere

wie Wüstner ziemlich gelassen in Kauf. Weitaus schwieriger wird es für sie, wenn zu dieser

in Nachkriegsdeutschland traditionellen Distanz zwischen ziviler Welt und militärischer Welt

auch noch eine spürbare Entfremdung zwischen politischer Führung und militärischem

Personal kommt.

Mitte Januar 2013, München (Link: http://www.welt.de/themen/muenchen-staedtereise/) , Universität der

Bundeswehr, Neujahrsempfang der Militärseelsorge: Verteidigungsminister Thomas de

Maizière spricht über den Unterschied zwischen der Binnen- und der Außenwahrnehmung

der Bundeswehr. In der Bevölkerung, sagt der Minister, genieße die Armee “ein unglaublich

hohes Ansehen”. Sämtliche Umfragen belegten, dass die Bundeswehr und der Soldatenberuf

“sehr angesehen” seien.

Nur in der Truppe selbst, sagt Thomas de Maizière dann, da sähen das viele ganz anders.

Da höre er viel zu oft Klagen über mangelnde Anerkennung und den Wunsch nach mehr

Wertschätzung. Und dann sagt der Verteidigungsminister jene beiden Sätze, deren Ton er

inzwischen zwar öffentlich bedauert, deren Kern er aber bis heute nicht zurücknehmen mag.

“Wir sind süchtig nach Anerkennung.” “Hören wir auf, nach Anerkennung zu gieren.” Gier,

Sucht, Jammerei – so despektierlich, so pauschal negativ hat sich selten ein

Verteidigungsminister öffentlich über seine Armee geäußert. Nicht nur Oberstleutnant

Wüstners Bundeswehrverband empfand de Maizières Rede als “Demütigung”. Als

heimtückischen Angriff aus den eigenen Reihen. De Maizières Münchner Rede hat viele

Soldaten vermutlich schwerer verletzt als alle tägliche Ignoranz, als alle üblichen

Respektlosigkeiten, als jede linke Anti-Bundeswehr-Propaganda. Wenn man sich in diesen

Tagen, in denen de Maizière so schwer unter Druck steht, fragt, warum die Unterstützung für

ihn aus der Truppe eher zurückhaltend ausfällt, warum man gelegentlich den Eindruck hat,

hier lasse ein Apparat seinen Minister im Stich, liefere ihn mit dem Durchstechen von

Schriftstücken womöglich ans Messer – in de Maizières Münchner Rede findet man

womöglich einen Teil der Antwort.

“Viele Soldaten”, sagt Oberstleutnant Wüstner rückblickend, “können die Aussagen des

Ministers bis heute nicht nachvollziehen”. Die Klagen der Truppe, ihr Wunsch nach mehr

Anerkennung, sei eben kein Ausdruck von Gier, sondern die Folge alltäglicher Erfahrungen,

gepaart mit der wachsenden Sorge vieler junger Leute, auch außerhalb der Armee ihren

Platz in der Mitte der Gesellschaft zu verlieren.

Vielleicht kommt ein weiterer Aspekt hinzu, der den Eindruck der Soldaten verstärkt, jenseits

von Hochwasser und anderen Noteinsätzen noch immer nur zähneknirschend geduldet zu

sein in einem Land, das auf den Trümmern einer verheerenden militärischen Katastrophe

gegründet wurde. Auslandseinsätze laden die Truppe ja geradezu ein zu einem Vergleich mit

den Kollegen, mit den Soldaten anderer Nationen, deren Verhältnis zum Militär

ungebrochener ist.

Tom M. (richtiger Name ist der Redaktion bekannt) hat schon ein paar solcher

Auslandseinsätze auf dem Buckel. Afghanistan, Balkan, das übliche Programm, eine ganze

Reihe brenzliger Kampfeinsätze inklusive. Doch dafür, sagt der Offizier, interessiere sich

“hier in Deutschland im Grunde niemand”. Gesellschaftliche Anerkennung für solche

Einsätze, wenigstens ein ehrliches Zuhören gebe es kaum – obwohl inzwischen mehrere

Zehntausend junger Männer in Deutschland diese Erfahrungen teilen.

“Für deutsche Soldaten interessieren sich die Medien doch bloß, wenn sie Fehler gemacht

haben”, findet Offizier M. und ist durchaus neidisch auf den “Grundrespekt”, der Soldaten in

anderen westlichen Ländern begleitet, auch wenn man dort längst nicht mehr jeden

Auslandseinsatz bejubelt.

“Die meisten Amerikaner sehen den Vietnam (Link: http://www.welt.de/themen/vietnam-reisen/) -Krieg

heute sehr kritisch”, sagt M., der sich intensiv mit der US-Militärhistorie beschäftigt hat.

Dennoch würde fast jeder US-Bürger einem Vietnam-Veteran in der Kneipe ein Bier

ausgeben – weil man Militäreinsätze als Dienst an der Gesellschaft versteht und die

Opferbereitschaft der Truppe hoch anerkenne.

Mehr als 100 Bundeswehrangehörige sind ums Leben gekommen, seit die deutsche Armee

wieder im Ausland eingesetzt wird, darunter sind auch Unfalltote und Soldaten, die sich das

Leben genommen haben. Sie alle, so sehen es außer der Linken alle im Bundestag

vertretenen Parteien, haben sich geopfert für die Freiheit der Deutschen. Wenn das Ernst

gemeint ist, wenn das keine hohlen Sonntagsreden sind, dann kann sich dieses Land eine

ungeliebte Armee nicht leisten, dann verlieren sich zwei, die sich eigentlich dringend

brauchen: Freie Gesellschaft und wehrhaftes Militär.

Eine Truppe, der sich Schulen und Universitäten dauerhaft verweigern, die von denen, deren

Freiheit sie verteidigen soll, lieber übersehen als wertgeschätzt wird, kann ihre Aufgaben auf

Dauer nicht erfolgreich erledigen. Sie verliert ihre Attraktivität, ihre Zugkraft, ihre guten Leute,

ihre Leistungskraft. Ignoranz und Ablehnung sind ja bei Weitem nicht die einzigen

Schwierigkeiten, mit denen die Bundeswehr zu kämpfen hat.

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Von den 250.000 Soldaten, die es zu Wehrpflichtzeiten gab, werden in ein paar Jahren

höchstens noch 170.000 übrig sein. Ob der Schrumpfungsprozess damit abgeschlossen ist,

steht in den Sternen. 150.000, diese Zahl geistert auch schon durch durch das

Offizierskorps. Seit Mitte der 80er, so formuliert es ein erfahrener Marineführer, sei die

Bundeswehr quasi permanent Gegenstand von Reformen gewesen.

Spätestens seit der deutschen Einheit, seit der Verschmelzung zweier zuvor eigenständiger

Armeen, ist dann kein Stein mehr auf dem anderen geblieben. Halbierung der Zahl der

Streitkräfte, Reduzierung der Wehrpflichtdauer, Öffnung der Armee auch für Frauen, Umbau

von einer reinen Verteidigungswehr zu einer Armee im Auslandseinsatz, noch eine

Reduzierung der Wehrpflichtzeiten, jeder fünfte Bundeswehrstandort wird dichtgemacht;

Abschaffung der Wehrpflicht, erneute Halbierung der Kopfzahlen, abermalige Reduzierung

der Zahl der Standorte. 400 sind es noch bundesweit, im Zuge der jüngsten

Bundeswehrreform werden 31 davon geschlossen und weitere 33 stark verkleinert. Neun

Verteidigungsminister hat die Truppe in dieser Zeit gesehen, die meisten sind weder freiwillig

gekommen noch aus freien Stücken abgetreten.

Hardthöhe und Bendlerblock sind auch nicht besonders beliebt, wenn es darum geht,

Ministerposten zu verteilen. Er sei ganz optimistisch, auch nach der Bundestagswahl im

Herbst sein Amt fortführen zu können, befand schon im Angesicht des Drohnen-Desaster

Thomas de Maizière. Seine ernüchternde Begründung: Es gebe ja nicht so viele Politiker, die

sich für dieses Ministerium interessieren.

Das sind also die Voraussetzungen, unter denen die Armee um ihr Ansehen, gegen ihre

innenpolitischen Gegner, gegen die Ignoranz und um den eigenen Nachwuchs kämpfen

muss.

“Je weniger Standorte wir haben”, sagt der Bundestagsabgeordnete Klingbeil, Mitglied im

Verteidigungsausschuss des Parlaments, “desto schwieriger wird es mit der Integration der

Bundeswehr in die Gesellschaft”. Und desto weniger die Armee in den Alltag integriert ist,

desto schwieriger wird es, die jungen Leute für die Bundeswehr zu gewinnen.

Die Bundeswehr hat sich deshalb zu einer neuen Art der Vorneverteidigung an der

Heimatfront entschlossen. 94 Jugendoffiziere werben mittlerweile bundesweit um

Nachwuchs. Imagekampagnen werden aufgelegt, die Sinn und Zweck vor allem der

Auslandseinsätze erklären; ein Offenbarungseid im Übrigen für die Kommunikationskraft der

Verteidigungspolitiker. 17 Karrierecenter helfen Schulabgängern und Hochschulabsolventen

bei der Suche nach einem Arbeitsplatz, dazu gibt es rund 200 regionale Beratungsbüros.

Immer mehr Standorte laden zu Tagen der Offenen Tür oder gleich zu einer “Woche der

Schulen” wie unlängst in Wilhelmshaven, wo mehr als 1000 Jugendliche die dort stationierten

Fregatten inspizierten, samt viel zu enger Kojen und Rettungshubschrauber im Einsatz.

13.000Mitarbeiter muss die Armee jährlich einstellen, um die vorgegebenen Truppenstärken

halten zu können. Das ist nicht wenig angesichts der bekannten demografischen Probleme,

mit denen nahezu alle Branchen heutzutage zu kämpfen haben.

Also wurde ein Bundeswehr-Quiz zusammengeschraubt, das wie “Wer wird Millionär”

funktioniert und in einem Bundeswehr-Truck über die Marktplätze und Job-Messen der

Republik tingelt. Man tritt mit einer eigenen Internet-Community an, mit diversen Facebook-

Seiten und kämpft mit sogenannten “BW-Adventure-Camps” um die Aufmerksamkeit der

Jugendlichen. So etwas geht natürlich auch nicht ohne Proteste ab. Beim “Hessentag”, der

an diesem Wochenende in Kassel beginnt, will das örtliche Friedensforum mit

Demonstrationen und Flashmobs gegen die dort anwesenden Streitkräfte protestieren. Es sei

nicht richtig, dass eine Armee im Kriegseinsatz “auf Volksfesten Rekrutierungsarbeit

betreibt”, die Bundeswehr werbe in der Kasseler Karlsaue “fürs Sterben”.

Als die Heranwachsenden-Postille “Bravo” im vergangenen Herbst Anzeigen für ein “BWAdventure-

Camp” veröffentlichte und sich auch ein entsprechender Trailer auf ihrer

Homepage fand, intervenierte die Evangelische Kirche ebenso wie das Kinderhilfswerk terre

des hommes. Die Werbung für das Camp verharmlose die tödliche Gefahr, die ein

Engagement in der Bundeswehr mit sich bringen könne. Außerdem verstoße die Reklame in

der “Bravo” gegen die UN-Kinderrechtskonvention.

Die Adventure-Veranstaltungen sind dennoch ausgebucht, auch die Nachwuchsrekrutierung,

um die sich viele Sorgen gemacht haben nach dem Ende der Wehrpflicht, funktioniert bisher

reibungslos. Jenseits der in allen Branchen raren spezialisierten Fachleute hat die Armee

noch immer mehr Bewerber als Ausbildungsplätze. Der Ruf der Bundeswehr als Arbeitgeber,

das immerhin, ist noch immer tadellos. Jedenfalls so lange es nicht ernst wird.

Noch einmal Berlin, das Außenministerium am vergangenen Donnerstag. Gekommen sind

gleich drei Minister: Hausherr Guido Westerwelle, sein Kollege aus dem Innenressort Hans-

Peter Friedrich und Thomas de Maizière. Im “Weltsaal” des Ministeriums, in dem sonst

Staatsbankette stattfinden, sitzen fast 500 Menschen, viele von ihnen in Uniform. “Zum

ersten Mal”, eröffnet Westerwelle feierlich, wolle man heute gemeinsam “unsere Hüter des

Friedens” ehren. “Peacekeeper”, so nennen die Vereinten Nationen ihren Ehrentag für Helfer

in weltweiten Missionen. Sie feiern ihn seit 2002, am 29. Mai. In Deutschland dürfte das

Datum den wenigsten etwas sagen.

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Die Bundesregierung ist ja auch ein wenig spät dran mit ihrer kleinen Premiere. Seit Anfang

der 90er schickt Deutschland regelmäßig Soldaten zu kriegerischen Einsätzen ins Ausland,

ein paar Hunderttausend Soldaten haben dabei ihr Leben riskiert, ihre Liebe aufs Spiel

gesetzt, die Familien, Frauen, Söhne, Töchter monatelang zurückgelassen. Es wurde also

wirklich Zeit: “Sie sind ein Aushängeschild für unser Land”, sagt der Außenminister. “Wir

haben großen Grund für Stolz und Dankbarkeit”, sagt der Verteidigungsminister. Auch André

Wüstner sitzt an diesem Tag im Publikum. “Das tut der Seele gut”, sagt der Oberstleutnant

und wünscht sich, dass der “Geist dieser Veranstaltung” über die Grenzen Munsters und der

Ministerien hinaus wirken möge. Solidarität, Gesten des Interesses, Rückhalt der

Gesellschaft. Viel mehr erwartet die Truppe nicht. Aber das erwartet sie.

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