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Fukushima

21. Juni 2017 – von Sonja Schmitzer – news.doccheck.com

Ein schweres Erdbeben und ein anschließender Tsunami kosteten im März 2011 knapp 19.000 Menschen in Japan das Leben. Doch nicht nur das: Die Naturgewalten trafen auch das Kernkraftwerk Fukushima und lösten dort mehrere Kernschmelzen mit verheerenden Folgen aus: Fukushima gilt als die folgenschwerste Atomkatastrophe seit dem Reaktorunfall in Tschernobyl im Jahr 1986. Nach Angaben des Kraftwerkbetreibers Tepco wurden bei den Reaktorexplosionen im März 2011 (neben radioaktivem Caesium 134 und 137) auch 500.000 Tera­becquerel Jod-131 freigesetzt – etwa halb so viel wie in Tschernobyl.

Kinder und Jugendliche besonders anfällig für Schilddrüsenkrebs durch Jod-131
Seit dem Unglück in Tschernobyl ist bekannt, dass sich radioaktives Jod-131 vor allem in den empfindlichen Schilddrüsen von Kindern und Jugendlichen ansammelt und dort Krebs auslösen kann. Das Jod-Isotop 131 hat nur eine Halbwertszeit von 8 Tagen und kann bei seinem Zerfall die angrenzenden Zellen in Mitleidenschaft ziehen. Eine Besonderheit kristallisierte sich Jahre nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl heraus: Dort war fast die Hälfte der an Schilddrüsenkrebs erkrankten Kinder und Jugendlichen männlich, obwohl normalerweise weibliche Patienten zwei- bis dreimal häufiger an Schilddrüsenkrebs erkranken als männliche.
Japanische Regierung steckt Kopf in den Sand
Trotz dieser Erfahrungswerte verteilte die japanische Regierung nach dem Reaktorunglück in Fukushima keine Jobtabletten an die Bevölkerung, die eine Einlagerung des Jod-131-Isotops in die Schilddrüsen der Kinder und Jugendlichen hätte vermeiden können. Stattdessen versicherte sie, dass die freigesetzte Strahlung zu gering sei, um vermehrt Krebserkrankungen in der Umgebung auszulösen. Zudem sei das Gebiet um den Reaktor wesentlich schneller evakuiert worden als Tschernobyl. Doch inzwischen sind mehr als 180 Kinder und Jugendliche in Fukushima, die zum Zeitpunkt der Katastrophe unter 18 Jahren alt waren, an Schilddrüsenkrebs erkrankt.
Schilddrüsenkrebsrate bei Kindern deutlich erhöht
Damit sei die Zahl der Schilddrüsenkrebsfälle bei Kindern und Jugendlichen etwa 50 Mal höher als in nicht verstrahlten Gebieten in Japan, berichtete der Epidemiologe Toshihide Tsuda von der Universität Okayama im Jahr 2015. Er und sein Team hatten die von der Regierung angebotenen Schilddrüsen-Ultraschalls für 367.687 Einwohner der Präfektur Fukushima, die zum Zeitpunkt der Explosionen jünger als 18 Jahre waren, ausgewertet und die Schilddrüsenkarzinom-Diagnosen mit den Erkrankungsraten der japanischen Bevölkerung verglichen. Viele Familien folgten dem Aufruf: Ca. 300.000 Kinder ließen sich untersuchen. Die betreffenden Kinder und Jugendlichen wurden zunächst alle zwei Jahre, ab dem 20. Lebensjahr alle fünf Jahre untersucht, und in folgende Gruppen zusammengefasst:
A1 (kein Befund),
A2 (Knoten unter 5 mm, Zyste unter 20 mm),
B (Knoten über 5 mm, Zyste über 20 mm)
C (Handlungsbedarf)
In der ersten Untersuchungsperiode bis Ende 2014 erhielten 113 Kinder die Diagnose Schilddrüsenkrebs, bis Ende 2016 folgten 68 weitere. 62 dieser Patienten hatten bei der Untersuchung im Jahr 2014 den Befund A1 oder A2 erhalten – ihre Tumoren hatten sich also nachweislich in den letzten beiden Jahren entwickelt.
Die Schilddrüsenuntersuchungen blieben auf Fukushima beschränkt, obwohl auch andere Gebiete verstrahlt wurden.
Operation oft unumgänglich
Schilddrüsenkrebs kommt bei Kindern normalerweise sehr selten vor. Nur ein oder zwei Kinder von einer Million Kindern erkranken pro Jahr an einem Schilddrüsenkarzinom. Je nach histologischem Befund und Ausdehnung des malignen Gewebes muss entweder nur ein Schilddrüsenlappen oder das gesamte Organ operativ entfernt werden. Ist das Tumorrestgewebe differenziert und Jod-speichernd, erfolgt eine Radio-Jod-Therapie. Dasselbe gilt für Tumoren, die bereits Metastasen gebildet haben. Beim medullären und anaplastischen Karzinom müssen zusätzlich die Hals- und mediastinalen Lymphknoten entfernt und anschließend bestrahlt werden. An die operative Entfernung der Schilddrüse schließt sich eine lebenslange Substitutionstherapie mit Schilddrüsenhormonen an, die besonders für junge Menschen belastend ist.
„Screening-Effekt“ schuld an hoher Krebsrate?
Die hohe Anzahl an erkrankten Kindern und Jugendlichen führt die japanische Regierung auf den „Screening-Effekt“ zurück. Die außergewöhnliche Massenuntersuchung habe dazu geführt, dass Krankheitsfälle aufgedeckt würden, die sonst erst viel später zu Tage getreten wären.
Auch das Wissenschaftliche Komitee der Vereinten Nationen zu den Folgen von atomarer Strahlung (UNSCEAR) äußerte 2014 in einem Bericht: Es werde keine messbare Zunahme von Krebsfällen unter Erwachsenen geben. Lediglich die Zahl der Schilddrüsen-Karzinome unter Kindern könnte nach der Nuklearkatastrophe an der japanischen Ostküste leicht ansteigen.
Lobbyismus vor Gesundheit
Dr. Alex Rosen von der Vereinigung Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) ist sehr skeptisch gegenüber solchen Aussagen. Im Interview mit 3sat äußerte er: „In UNSCEAR sitzen Repräsentanten der Atomindustrien verschiedener Länder, die ein großes Interesse daran haben, die Atomindustrie in ein positives Licht zu stellen. Das ist ungefähr so, als würde es ein UN-Komitee zur Untersuchung der Nikotinfolgen geben, in dem die Repräsentanten der Tabakkonzerne sitzen.“ So hätte UNSCEAR in seinem Bericht die erhöhte Strahlensensibilität ungeborener Kinder nicht berücksichtigt, konsequent die Ausgangsparameter kleingerechnet, vielfach auf unabhängige Forschungsergebnisse zu Gunsten von Daten der Atomindustrie oder Tepco verzichtet und zahlreiche falsche Annahmen präsentiert.
Hohe Krebsrate statistisch kleingerechnet
Rosen geht davon aus, dass durch die Atomkatastrophe in Fukushima mehrere Zehntausend Menschen an Krebs erkranken werden, die sonst gesund geblieben wären. „Die Schilddrüsenkrebsfälle bilden da nur einen kleinen Teil von. In nationalen Statistiken werden diese Mehrerkrankungen bei der ohnehin hohen Zahl an Krebserkrankungen in Japan vermutlich nicht groß auffallen – für die einzelne Person und ihre Angehörigen ist das natürlich eine ganz andere Geschichte“, so Rosen.
Strahlung steigt weiter an 6 Jahre nach Katastrophe
Ein Ende der Strahlenbelastung ist noch lange nicht in Sicht – im Gegenteil: Auf dem Gelände des havarierten japanischen Atomkraftwerks Fukushima wurde nach Angaben des Betreibers im Februar 2017 – sechs Jahre nach der Reaktor-Explosion – die höchste radioaktive Strahlung seit Beginn der Katastrophe gemessen. Der Anlagenbetreibe Tepco teilte mit, dass an einem der Reaktoren 530 Sievert pro Stunde gemessen wurden. Der bisherige Höchstwert lag bei 73 Sievert pro Stunde und war im Jahr 2012 gemessen worden. Gravierende akute Strahlenschäden treten auf, wenn ein Mensch in kurzer Zeit einer Strahlung von einem Sievert beziehungsweise 1.000 Millisievert ausgesetzt ist.

Quellen:
Thyroid Cancer Detection by Ultrasound Among Residents Ages 18 Years and Younger in Fukushima, Japan: 2011 to 2014.
T. Tsuda et al.; Epidemiology, 2015
Press Conference Presentation by Toshihide Tsuda
Toshihide Tsuda; Pressekonferenz des Foreign Correspondence Club of Japan, 2015

Bericht unter: http://news.doccheck.com/de/newsletter/4095/26582/?utm_source=DC-Newsletter&utm_medium=E-Mail&utm_campaign=Newsletter-DE-DocCheck+News+17.25+%28Mittwoch%29-2017-06-21&user=36f4dc5f89d9203be2ebcf193377a101&n=4095&d=28&chk=8a1c04423fb3514df375067dafb795da

25.10.2013

Ärzte: Gesundheitliche Auswirkungen werden systematisch unterschätzt

UNSCEAR-Bericht zu Fukushimafolgen

Der heute vorgelegte Bericht des Komitees der Vereinten Nationen für die Folgen von Strahlung (UNSCEAR) verharmlost systematisch das wahre Ausmaß der gesundheitlichen Folgen der Fukushima-Katastrophe. Es handelt sich um eine gezielte Missinformation der Öffentlichkeit. Das kritisieren IPPNW-Ärzte aus Deutschland, den USA, Schweiz, Frankreich, Italien, Nigeria, Malaysia, Ägypten und den Niederlanden in ihrer Analyse des Berichts.

UNSCEAR gibt an, dass „kein erkennbarer Anstieg von Krebserkrankungen in der betroffenen Bevölkerung zu erwarten sei, der mit der Strahlenexposition in Verbindung gebracht werden kann.“ Die Ärzte kritisieren, dass sich die Mitglieder von UNSCEAR in ihrem Bericht im Wesentlichen auf die Angaben der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO), der Betreiberfirma TEPCO und der japanischen Atombehörden stützen. UNSCEAR verlässt sich dabei blind auf die Dosisangaben der Kraftwerksbetreiber und ignoriert die Vielzahl an Berichten über Manipulationen und Ungereimtheiten dieser Messwerte. Neutrale unabhängige Institute und Forschungseinrichtungen, die die Ereignisse in Fukushima kritischer beurteilen und von höheren Strahlendosen ausgehen, werden ignoriert.

Statt die Rechnungen der WHO als Grundlage für die Dosisberechnung zu nehmen, bezieht sich UNSCEAR auf wenig verlässliche Ganzkörpermessungen einzelner Isotope und rechnet sich somit die Gesamtdosis der Bevölkerung klein. Die erhöhte Strahlenempfindlichkeit des ungeborenen Kindes wird in den Berechnungen ebenso wenig berücksichtigt wie neuere strahlenbiologische und genetische Erkenntnisse zu den medizinischen Folgen von Niedrigstrahlung. UNSCEAR bestätigt, dass es zu vermehrten Krebsfällen kommen wird, gibt aber an, dass diese nicht in der Statistik auffallen werden und nicht eindeutig mit dem radioaktiven Fallout in Verbindung gebracht werden können – eine Strategie, wie sie auch die Zigarettenkonzerne und die Asbestwirtschaft jahrzehntelang verfolgte.

Als Ärzten liegt uns die Gesundheit unserer Patienten am Herzen. Jeder Mensch hat das Recht auf Gesundheit und auf ein Leben in einer gesunden Umwelt. Den Bewohnern der verstrahlten Gebieten wird dieses Menschenrecht derzeit verwehrt. Jeder einzelne Fall von Krebs ist einer zu viel und wenn, wie in Fukushima, mit mehreren zusätzlichen Zehntausend Krebsfällen durch die radioaktive Strahlung gerechnet werden muss, dann ist es zynisch und unangemessen, die berechtigen Sorgen und gesundheitlichen Risiken der Bewohner auf ein statistisches Problem zu reduzieren.

Inzwischen ist wissenschaftlich anerkannt, dass jede auch noch so kleine Menge an radioaktiver Strahlung Krebs auslösen kann. Es gibt keine Schwellendosis unterhalb derer Strahlung ungefährlich ist. Chronische Exposition mit Radioaktivität kann zu Leukämien, Lymphomen und zu soliden Tumoren führen, sowie zu Herzkreislauferkrankungen, Grauem Star und Autoimmunerkrankungen.

Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass Kinder, und vor allem ungeborene Kinder, eine stark erhöhte Strahlensensibilität haben. Aus diesem Grund versuchen Ärzte und Ärztinnen, wo immer möglich, Kinder und Schwangere vor unnötiger Strahleneinwirkung zu schützen. Durch die multiplen Kernschmelzen in Fukushima wurden große Mengen an Strahlung frei gesetzt und durch radioaktive Wolken verteilt. Nur durch viel Glück und die richtige Windrichtung blieb der Millionenmetropole Tokio eine massive Verstrahlung erspart. In den umliegenden Präfekturen sind die Menschen jedoch seit mehr als 2 ½ Jahren erhöhten Strahlenwerten ausgesetzt. Die Behörden haben die Menschen nicht adäquat schützen können. Jodtabletten zur Prophylaxe wurden nicht verteilt, die zulässige jährliche Strahlenbelastungsgrenze von Kindern dafür auf 20 mSv erhöht. Radioaktive „Hotspots“ entlang Schulwegen und am Rand von Spielplätzen und Schulhöfen werden lediglich mit Wimpeln markiert und der Verzehr von Produkten aus Fukushima mit lokalpatriotischen Kampagnen unterstützt – selbst in Schulkantinen.

Und die Atomkatastrophe dauert noch an: die ungeschützten Kraftwerksruinen stellen noch immer eine große Gefahr dar und müssen weiterhin intensiv gekühlt werden. Durch unerkannte Lecks werden weiterhin jeden Tag mehrere hundert Tonnen radioaktives Wasser in den Pazifik gespült.

Es ist wissenschaftlich unseriös, aus den Daten von ein bis zwei Jahren definitive Schlussfolgerungen über die nächsten Jahrzehnte zu ziehen und Entwarnung zu geben, wie das der UNSCEAR-Bericht tut. Schon heute mussten in Fukushima 18 Kinder wegen Schilddrüsenkrebs operiert und behandelt werden, bei 25 weiteren Fällen haben Biopsien ebenfalls einen Krebsverdacht ergeben. Zu erwarten wäre in einer vergleichbaren Bevölkerung gerade mal ein einziger Fall. Ein Zusammenhang mit der Atomkatastrophe erscheint plausibel. Die weitere Entwicklung (nicht nur der Schilddrüsenkrebsfälle) muss in den nächsten Jahrzehnten gut beobachtet werden. Die Menschen müssen das Recht haben, ihre medizinischen Daten einzusehen und sich eine Zweitmeinung einzuholen. Beides wird ihnen derzeit verweigert. Auch müssen vor allem junge Familien und Schwangere Unterstützung erfahren, wenn sie sich auf Grund gesundheitlicher Sorgen dazu entschließen, die verstrahlten Gebiete zu verlassen. Stattdessen werden sie derzeit mit aufwändigen Kampagnen und ineffektiven Dekontaminationsversuchen dazu ermutigt zu bleiben.

In der Debatte über die Gesundheitsfolgen der Atomkatastrophe von Fukushima geht es um mehr als nur das Prinzip der unabhängigen Forschung, die sich dem Einfluss mächtiger Lobbygruppen nicht beugt. Es geht auch und vor allem um das Menschenrecht auf Gesundheit und eine gesunden Umwelt. Deswegen setzen wir Ärzte dem Bericht der Atomlobby unsere eigene kritische Erwiderung entgegen.

Den vollständigen englischen IPPNW-Kommentar zum UNSCEAR-Bericht finden Sie online unter:http://www.ippnw.de/commonFiles/pdfs/Atomenergie/Ausfuehrlicher_Kommentar_zum_UNSCEAR_Fukushima_Bericht_2013__Englisch_.pdf

Das Statement von Dr. Angelika Claußen finden Sie unter http://www.ippnw.de/commonFiles/pdfs/Atomenergie/Fukushima/statement_claussen.pdf

Kontakt: Angelika Wilmen, Pressesprecherin der IPPNW, Tel. 030-69 80 74-15,

Dr. med. Alex Rosen, rosen@ippnw.de, Deutsche Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung (IPPNW), Körtestr. 10, 10967 Berlin, www.ippnw.de, Email: wilmen@ippnw.de

Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) Deutschland, USA, Schweiz, Nigeria, Italien, Frankreich, Malaysia, Ägypten und Niederlande

 

Liebe Freunde, Kollegen, Mitglieder und Mitstreiter,

die ungenügenden Massnahmen der japanischen Regierung zur Dekontaminierung stellen die Bewohner von Tamura City vor eine folgenschwere Entscheidung: entweder sie ziehen zurück in ihre verlassenen Häuser und Wohnungen, obschon die Gegend noch immer stark verstrahlt ist, oder sie geben ihren Besitz ohne Aussicht auf volle Entschädigung auf.

Dieselben Probleme wird Europa und speziell Deutschland eines Tages haben, wenn nicht endlich ein Ausstieg aus der Kernenergie erfolgt.  Ein Evakuieren eines großen Gebiets wird in Deutschland nicht möglich sein, weil der Platz nicht da ist, wo die ausgesiedelten Menschen dann wohnen könnten !?  Durch die Altreaktoren (Schrottreaktoren) an Rhein oder bei den östlichen Nachbarn wächst jährlich das Risiko eines Supergaus …

Mit herzlichen Grüßen

Claus Scheingraber

 

Ungenügende Dekontaminierung stellt Bewohner der Region Fukushima vor

schwere Entscheidung

+ 12.10.2013 + Strahlungswerte immer noch höher als dem internationalen Grenzwert entsprechend.

Tamura ist eine der Gegenden, deren Bewohner zu Beginn der Katastrophe von Fukushima auf Geheiss der Regierung aus Sicherheitsgründen evakuiert wurden. Neuste Messungen von Greenpeace-Experten haben ergeben, dass die Strahlungswerte auch nach der massiven Dekontamination durch die Regierung noch höher sind als die erlaubten 0.23 Mikrosievert pro Stunde, die auf ein Jahr umgerechnet dem internationalen Grenzwert von 1 Millisievert entsprechen.

Erstmals soll nun für einen Teil von Tamura der Evakuierungsbefehl der Regierung aufgehoben werden.

“Die Messungen von Greenpeace zeigen, dass die Strahlungswerte in Tamura City noch immer zu hoch sind,” sagte Rianne Teule, Leiterin der Nuklearkampagne und Strahlungsexpertin von Greenpeace International. “Wer jetzt beschliesst zurückzugehen, setzt sich einem erhöhten Strahlenrisiko aus, und wer nicht zurückkehrt, erhält von der Regierung keine Unterstützung. Für die Betroffenen ist dies ein schreckliches Dilemma.”

Ein Team von 16 Greenpeace-Strahlenexperten aus 10 Ländern kontrollierte vom 1.-5. Oktober die radioaktive Strahlung in der Gegend von Tamura City. Die Strahlungswerte auf den Strassen, im Wald sowie in und um die Häuser sind höher als die Regierung versprochen hat. Umfassende Messungen zeigen, dass 39% der 18’180 Messpunkte auf Strassen den Grenzwert der Regierung von 0.23 Mikrosievert pro Stunde übertreffen.

In Tamura traf Greenpeace Menschen, die unter schwierigsten Umständen versuchen, ihr Leben wieder aufzubauen. Mit der Aufhebung des Evakuierungsbefehls droht ihnen nun der Verlust finanziellen Entschädigung durch die Regierung. Diejenigen, die jetzt in ein Haus zurückkehren, das sie vor zwei Jahren verlassen mussten, werden in einer nur teilweise dekontaminierten Umgebung leben, umgeben von Feldern und Wäldern, die stellenweise immer noch bedrohlich radioaktiv verseucht sind. Die Zwangsevakuierung hat Familien und Gemeinschaften auseinander gerissen. Nicht selten hat sich die jüngere Generation dafür entschieden, in weniger verseuchten Gegenden ein neues Leben aufzubauen, um ihre Kinder nicht zu gefährden.

“Die Verluste, welche die Menschen wegen der nuklearen Katastrophe erlitten haben, können nur schwer quantifiziert werden, doch die Regierung tut so, als sei in Tamura alles wieder in Ordnung,” sagte Hisayo Takada, Leiter der Energie-Kampagne bei Greenpeace Japan. “Die Regierung muss auf die Leute hören und muss sie besser unterstützen, damit sie ihr Leben wieder aufbauen können, ganz gleich ob sie nun in ihre Häuser und Wohnungen in den verseuchten Gegenden zurückkehren oder anderswo ein neues Leben anfangen. Japan sollte in erster Linie seine Bevölkerung beschützen und nicht die Profite der Atomindustrie.”

Quelle: Greenpeace Schweiz 2013

 

Atom-Katastrophe

Fukushima: „Die Wahrscheinlichkeit, dass die Rettung gelingt, geht gegen

Null“

Deutsche Wirtschafts Nachrichten |  Veröffentlicht: 09.10.13,

Der deutsche Physiker Sebastian Pfugbeil ist äußerst pessimistisch, dass eine elementare Katastrophe in Fukushima abgewendet werden kann. Die Folgen würden die gesamte Nordhalbkugel der Erde zu spüren bekommen. Pflugbeil: „Die Menschheit könnte beim Scheitern der Versuche, die gebrauchten Brennelemente des KKW Fukushima zu bergen, in einer bisher nicht gekannten Weise durch Strahlen geschädigt werden.“

Der deutsche Physiker Sebastian Pflugbeil hält die Situation in Fukushima für äußerst kritisch. Pflugbeil sagte den Deutschen Wirtschafts Nachrichten: „Die Menschheit könnte bei Scheitern der Versuche, die gebrauchten Brennelemente des KKW Fukushima zu bergen, in einer bisher nicht gekannten Weise durch Strahlen geschädigt werden.“ Pflugbeil glaubt zwar nicht, dass die Menschheit durch eine weitere Katastrophe in Fukushima ausgelöscht wird: „Die Menschheit ist sehr robust!“ Doch er ist sehr pessimistisch über die Möglichkeiten, dass die Lage noch unter Kontrolle gebracht werden kann.

Pflugbeil zur Lage in Fukushima:
„Die Lage ist zunehmend kritisch durch den Verfall der Ruinen. Die Brennstäbe sich nicht geborgen. Die Reaktorblöcke sacken ab. Tausende Tonnen verseuchtes Wasser werden in das Meer abgelassen. Der Untergrund, auf dem der Reaktor ruht, ist nicht mehr belastbar – er schwimmt. Es hat sich alles bereits so verschoben, dass über ein Meter Höhenunterschied von einer Ecke zur anderen besteht. Die dadurch hervorgerufenen Spannungen haben bereits zu beängstigenden Rissen in der Gebäudekonstruktion geführt.“

Pflugbeil zu den Gefahren:
„Wenn die Brennstäbe nicht mehr gekühlt werden, dann kommt es zu einer Katastrophe. Dann werden gigantische Mengen an Radioaktivität freigesetzt. Da reicht ein Riss in dem Becken und das Kühlwasser läuft aus. Die Brennstäbe würden sich entzünden. Die Brennstabhüllen bestehen aus Zirkonium. Wenn das brennt, bekommt man es nicht mehr unter Kontrolle. Die Hüllen brechen dann auf. Dann strömt Radioaktivität in großem Umfang aus – gasförmig, leichtflüchtig, mittelflüchtig. Auch die Brennelemente in den anderen Blöcken des Kernkraftwerkes werden dann in absehbarer Zeit zerstört, weil die Mitarbeiter das Gebiet wegen der extremen Strahlenbelastung sofort verlassen müssen. Es genügt ein kleiner Erdbebenstoß oder ein Sturm oder einfach das Versagen der Gebäudestrukturen, um diese Katastrophe in Gang zu setzen.“

Zum Rettungsplan der Japaner:
„Die Japaner wollen zunächst die 1.300 Brennelemente im Block 4 einzeln herausholen. Wenn auch nur ein einziger zerbricht, müssen die Arbeiter weg. Das ist ein extrem komplizierter und langwieriger Prozess. Wie schwierig das ist, hat man bei einem Test gesehen, den die Japaner mit einem noch unbenutzten Brennstab gemacht haben. Den haben die mit der Hand beim Herausziehen gelenkt. Mit der Hand! Die aktiven Brennstäbe kann man nicht mit der Hand anfassen, das wäre tödlich. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Rettung gelingt, geht gegen Null.“

Sebastian Pflugbeil: „Das wird den gesamten Pazifik und die von ihm lebende Bevölkerung treffen.“ (Foto: Flickr/ippnw Deutschland)

Pflugbeil zu den Folgen:
„Die Gefahr, die von den alten Brennelementen ausgeht, ist gigantisch. Darüber sind sich alle Experten einig. Wenn es zu diesem schlimmsten Fall kommt, müssen riesige Gebiete evakuiert werden. Wenn der Wind in die Richtung von Tokio zieht, müsste Tokio vollständig evakuiert werden. Aber das geht nicht. Die Folgen würden nicht nur Japan, sondern die ganze Nordhalbkugel der Erde betreffen. Denn die Luftströmungen verlaufen auf der Nordhalbkugel und der Südhalbkugel einigermaßen getrennt voneinander. Tschernobyl war immerhin mehr als 1.000 km weg. Die zuständigen Fachleute und Politiker haben damals versichert, dass wir in Deutschland keine Gesundheitsschäden zu befürchten hätten. Es kam anders: Mehr behinderte Kinder wurden geboren, die Säuglingssterblichkeit stieg, Downsyndrom und Leukämie bei Kindern nahmen zu. Andere Folgen waren noch dramatischer: In Westeuropa, der Tschernobyl-Region und den südlichen Staaten der Sowjetunion wurden etwa eine Million Mädchen wegen der Katastrophe von Tschernobyl nicht geboren. Die Zahl der Opfer allein in Westeuropa geht nachweislich in die Hunderttausenden. Es spricht viel dafür, dass wir das alles nach der Katastrophe in Fukushima noch einmal erleben. Hinzu kommt die Kontamination des Pazifiks, in dem komplizierte und lang dauernde Nahrungsmittelketten ablaufen, die eine wichtig Rolle für die menschliche Ernährung spielen. Das wird den gesamten Pazifik und die von ihm lebende Bevölkerung treffen.“

Pflugbeil zur Lethargie vieler Japaner:
„Die Japaner sind jahrhundertelang zu einem extrem angepassten Verhalten erzogen worden. Sie sind immer wieder darauf gedrillt worden, dass sie sich so wie die anderen zu verhalten haben, dass Kritik an Vorgesetzten, an der Politik unanständig ist. Der soziale Druck auf die Einzelnen ist enorm. Sie dürfen nicht zugeben, dass sie Angst haben. Unter der Bettdecke haben sie natürlich panische Angst. Aber sie dürfen das nicht zeigen. Mir ist mehrfach berichtet worden, dass jemand, der wegen irgendeiner Erkrankung zum Arzt gehen muss, in seiner Umgebung davon nichts erzählt. Er fürchtete, dass man denken könnte, er ginge wegen Fukushima zum Arzt. Das ist aber nicht erwünscht.“

Zur Realitätsverweigerung:
„In Fukushima bekommen die Kinder in den Kantinen der Schulen immer noch die Lebensmittel aus der Region. Wenn jetzt ein Kind sein Lunchpaket von zu Hause mitnimmt, weil sich seine Eltern Sorgen machen, dann wird das Kind nach vorn zitiert. Es wird gerügt, weil es sich nicht patriotisch verhält. Das erinnert mich sehr an die Zeit in der DDR nach Tschernobyl: Die Kinder, deren Eltern Bescheid wussten, haben in der Schule ihre Milch nicht getrunken. Darauf bekamen diese Eltern Ärger an ihren Arbeitsstellen. Die Eltern wurden gefragt, welchen Unsinn sie denn ihren Kindern erzählen.“

Zur bisherigen „Rettung“:
„Es ist unglaublich, dass die japanische Regierung mehr als zwei Jahre ins Land hat streichen lassen, ohne die internationale Gemeinschaft um Hilfe zu bitten. Es ist ja nicht der Fall, dass man systematisch Schritt für Schritt die defekte Anlage in Ordnung bringt. Es sind viele Firmen vor Ort, jeder will irgendetwas machen – aber es gibt keinen Generalplan, wie das Problem gelöst werden soll. Bis vor kurzem haben die Japaner nicht einmal Messgeräte gehabt, mit denen sie die Strahlung der hochbelasteten Flüssigkeiten messen konnten, die in den großen Tanks auf dem Gelände des Kernkraftwerks notdürftig aufbewahrt werden. Dadurch wurden alle Arbeiter, die damit zu tun hatten, einer viel zu hohen Strahlenbelastung ausgesetzt.“

Über die internationalen Atom-Behörden:
„Die Gremien von UN, IAEA und WHO, die eigentlich dafür da sein sollten, die Menschen zu schützen, stehen nahezu ausschließlich im Dienst der Atom-Industrie. Die Leute in den Behörden kommen aus dem Uran-Bergbau, von Kernenergie-Betreibern, aus der Atomwaffenindustrie oder der Nuklearmedizin. Es gibt nur ganz wenige unabhängige Leute in diesen Gremien. Die UN wird demnächst einen Bericht herausbringen, verantwortlich ist das Wissenschaftliche Komitee der Vereinten Nationen für die Wirkung Atomarer Strahlen UNSCEAR: Der Bericht ist ein glattes Lügengebäude. Er wird die Lage in Fukushima total verharmlosen. Er wird so tun, als sei alles unter Kontrolle und es würde keinerlei Strahlenschäden in der Bevölkerung geben. Wir kennen die entsprechenden Einschätzungen zu den Folgen von Tschernobyl. In Japan ist es leider auch Brauch, dass Politiker, wenn sie aus dem Amt scheiden, einen gut dotierten Posten in der Atom-Industrie bekommen, bei dem sie nicht zu arbeiten brauchen. Diese Posten wollen sie nicht gefährden. Daher wagen sie es nicht, die Wahrheit zu sagen.

Über die Angst der internationalen Experten, in Fukushima zu helfen:
„Es gibt nur eine Handvoll Experten, die bei diesem Problem wirklich Expertise haben. Diese Leute verhalten sich jetzt ganz ruhig und ducken sich weg. Sie beten, dass die Welt mit einem blauen Auge davon kommt. Keiner reißt sich darum, nach Fukushima zu fahren und zu helfen. Denn alle wissen: Diese Arbeit istlebensgefährlich und der Erfolg ist mehr als fraglich.

Sebastian Pflugbeil wird am Donnerstag nach Japan reisen. Nach einem Kongress wird er auch in die Präfektur Fukushima fahren. Er will sich selbst ein Bild von der Lage machen. Er wird versuchen, trotz der aktiven Behinderung durch die Betreiber und die Regierung an Informationen zu kommen, wie die Lage wirklich ist.

Dr. rer. nat. Sebastian Pflugbeil ist Präsident der deutschen Gesellschaft für Strahlenschutz e.V. Pflugbeil arbeitete bis zur Wende als Medizinphysiker im Zentralinstitut für Herz-Kreislauf-Forschung der Akademie der Wissenschaften der DDR in Berlin-Buch und befasste sich ehrenamtlich mit Problemen der Atomenergieverwertung, insbesondere den Strahlenfolgen in den Uranbergwerken der Wismut. Er war Mitbegründer der DDR-Bürgerbewegung Neues Forum und vertrat dieses als Sprecher am Berliner und am Zentralen Runden Tisch. 1990 wurde er Minister ohne Geschäftsbereich in der Übergangsregierung unter Modrow. In dieser Funktion setzte er sich für die sofortige Stilllegung der Atomreaktoren in der DDR ein. Danach war er bis 1995 Abgeordneter im Berliner Stadtparlament. 2012 erhielt er den Nuclear-Free Future Award für sein Lebenswerk.

Mehr zur Lage in Fukushima:
Hilferuf Japans an die Weltgemeinschaft
Die enorme Gefahr der Brennstäbe in einer Ruine
Was ist eigentlich mit Krsko und Temelin (Slowenien und Tschechien)

 

Neue Schäden in Fukushima

+ 30.09.2013 + Es fließt mehr statt weniger radioaktiv verseuchtes Wasser ins Meer.

Betreiber Tepco musste ein Leck an einem weiteren Wassertank in der Atomruine von Fukushima einräumen. Wie die Nachrichtenagentur Kyodonews berichtet, war zudem das Pumpsystem ALPS ausgefallen, das eine Chemikalie zur Aufnahme von Gammastrahlung in das Kühlsystem einspeist. Am Montagmorgen versuchten die Ingenieure einen Neustart: Das ALPS-System spielt eine Schlüsselrolle zur Reinigung der riesigen Mengen radioaktiv verseuchten Wassers, das sich seit dem Tsunami und der darauf folgenden Kernschmelze im März 2011 angesammelt hat.

Nach starken Regenfällen hatten sich die Probleme in Fukushima Anfang September verschärft: Tepco war mit dem Abpumpen des kontaminierten Wassers nicht mehr nachgekommen und hatte verstrahltes Wasser ins Meer abgelassen. Schon im Sommer war aus einem Leck 300.000 Liter radioaktiv verseuchten Wassers ausgetreten und größtenteils versickert. Tepco nutzt normalerweise das Wasser, um die Reaktorkerne zu kühlen, die immer noch Wärme produzieren. Kommt dann Regenwasser dazu, sind die Systeme ab einer bestimmten Menge überfordert.

Scheinbar unbeeindruckt von der Pannenserie will Tepco sein AKW Kashiwazaki Kariwa wieder anfahren – mit sieben Reaktoren einer der größten Atomkomplexe weltweit. Dafür hatte Tepco am Freitag bei der Atomaufsichtsbehörde NRA Anträge für zwei der sieben Reaktoren eingereicht. Der Atomkomplex AKW Kashiwazaki Kariwa liegt etwa 200 Kilometer nordwestlich von Tokio ebenfalls am Meer, 2007 war es hier nach einem Erdbeben zu einem Transformatorenbrand gekommen. Aktuell sind wieder alle 50 japanischen AKW vom Netz.

Quelle: KLIMARETTER.INFO | reni 2013

 

 

Der gefährlichste Moment in der Geschichte der Menschheit:

“Bei der Sicherung der Brennelemente im Lagerbecken der Einheit 4 in Fukushima geht es um unser aller Überleben!”
Greenpeace JapanGreenpeace Japan 

Nur noch zwei Monate trennen uns von der größten Gefahr für die Menschheit seit der Krise um die Raketen auf Kuba.

Es gibt keine Entschuldigung dafür, jetzt nicht zu handeln. Die Spezies Mensch muss all ihre Fähigkeiten mobilisieren, um die eingelagerten abgebrannten Brennelemente der Einheit 4 in Fukushima zu sichern.

Der Fukushima-Eigentümerin, die Tokyo Electric /Tepco, hat mitgeteilt, dass sie in spätestens 60 Tagen den Versuch starten muss, mehr als 1.300 abgebrannte Brennelemente aus einem schwer beschädigten,leckenden Lagerbecken zu bergen, das sich 100 Fuß (30,5 m) über dem Erdboden befindet. Das Becken ruht auf einem stark beschädigten Gebäude, das sichzur Seite neigt, und spätestens beim nächsten Erdbeben oder auch schon früher einzustürzen droht.

Die rund 400 Tonnen wiegenden Brennelemente in diesem Becken könnten 15.000-mal mehr radioaktive Strahlung freisetzen als die Bombe von Hiroshima. Einiges steht in dieser drohenden Krise schon fest Tepco hat weder die wissenschaftlichen, technischen noch finanziellen Ressourcen, um sie zu meistern.
Das Gleiche gilt für die japanische Regierung. Dieses äußerst riskante Unterfangen erfordert ein koordiniertes Zusammenwirken der besten Wissenschaftler und Techniker der ganzen Welt.

Warum ist die Situation so gefährlich?

Wir wissen, dass schon Tausende von Tonnen stark verstrahlten Kühlwassers im Atomkraftwerk Fukushima angefallen sind; das ist ein Teufelsgebräu, mit dem langlebige giftige Isotope in den Pazifik gelangen. Vor der Küste Kaliforniens wurden bereits Thunfische gefangen, die nachweisbar durch radioaktiven Fallout aus Fukushima verstrahlt wurden. Es wird aber noch viel schlimmer kommen Tepco braucht ständig neues Wasser, um die drei geschmolzenen Reaktorkerne der Anlage zu kühlen. Dampfwolken lassen erkennen, dass sich die Kernspaltung irgendwo unterirdisch immer noch fortsetzt. Aber niemand weiß, wo (und in welchem Zustand) sich diese Reaktorkerne tatsächlich befinden.

Große Mengen des verstrahlten Wassers wurden bis jetzt in rund 1.000 riesigen, aber wenig stabilen Tanks gesammelt, die schnell und über die gesamte Anlage verstreut errichtet wurden. Viele lecken bereits. Alle könnten bei einem weiteres Erdbeben auseinander brechen; dann würden sich Tausende von Tonnen langlebiger Gifte in den Pazifik ergießen.  Das Kühlwasser, das durch die Anlage in Fukushima geleitet wird, höhlt auch die Fundamente unter den noch erhaltenen Gebäuden aus – auch die des Gebäudes, auf dem sich das Brennelemente-Lagerbecken der Einheit 4 befindet.

In einem größeren Sammellagerbecken, das nur 50 Meter von der Einheit 4 entfernt liegt, werden mehr als 6.000 weitere abgebrannte Brennelemente gekühlt. Einige davon enthalten Plutonium. Weil dieses große Becken keine sichere Überdachung hat, könnte beim
Einsturz eines benachbarten Gebäudes, bei einem Erdbeben oder einem weiteren Tsunami sein gesamtes Kühlwasser auslaufen.
Insgesamt sind mehr als 11.000 Brennelemente über die ganze Anlage in Fukushima verteilt. Von Robert Alvarez, einem bekannten Experten mit langjähriger Erfahrung, der auch schon für das (US-)Energieministerium tätig war, wissen wir, dass von der Anlage in Fukushima 85-mal so viel tödliches Cäsiums freigesetzt werden könnte wie bei der Katastrophe in Tschernobyl.[s. http://akiomatsumura.com/2012/04/682.html ]

Rund um Japan werden immer mehr Stellen mit hoher Radioaktivität entdeckt. Dort leiden vor allem Kinder vermehrt unter Schilddrüsen-Erkrankungen. Als Sofortmaßnahme müssen die abgebrannten Brennelemente so schnell und so sicher wie möglich aus dem einsturzgefährdeten Lagerbecken der Einheit 4 entfernt werden.Kurz vor dem Erdbeben am 11. März 2011 und dem nachfolgenden Tsunami, der das Atomkraftwerk Fukushima zerstörte, wurde der Atomkern der Einheit 4 im Rahmen der
routinemäßigen Wartung und Neubestückung entfernt. Wie bei etwa zwei Dutzend Atomreaktoren in den USA und vielen in anderen Teilen der Welt befindet sich das von der USFirma General Electric gebaute Kühlbecken, in dem der entfernte Reaktorkern jetzt liegt,
100 Fuß über dem Erdboden. [s. http://fukushimaupdate.com/the-real-fukushima-danger-spent-fuel-pools/ ]

Abgebrannte Brennelemente müssen unbedingt unter Wasser aufbewahrt werden. Die darin enthaltenen Brennstäbe sind mit einer Zirconium-Legierung ummantelt, die sich,wenn sie mit Luft in Berührung kommt, spontan entzündet. Zirconium wurde früher in Blitzlampen für Fotoapparate verwendet und verbrennt mit extrem heller und heißer Flamme. Ein Brennstab ohne Ummantelung strahlt so viel Radioaktivität ab, dass jeder, der sich in seiner Nähe aufhält, in wenigen Minuten stirbt. Eine Feuersbrunst könnte das ganze Bedienungspersonal dazu zwingen, aus (dem Kernkraftwerk) Fukushima zu fliehen und die havarierte Anlage unkontrolliert sich selbst zu überlassen.  Nach Aussage des Ingenieurs Arnie Gundersen, der 40 Jahre in der Atomindustrie gearbeitet und Brennstäbe für sie hergestellt hat, sind die abgebrannten Brennstäbe aus dem Kern der Einheit 4 verbogen, beschädigt und so brüchig, dass sie zu zerbröckeln drohen.

Mit Überwachungskameras wurde festgestellt, dass in dem beschädigten Kühlbecken bereits eine beunruhigende Menge von Bruchstücken liegt. Die beim Entleeren des Kühlbeckens der Einheit 4 auftretenden technischen und wissenschaftlichen Probleme sind nach Gundersens Meinung ebenso schwierig wie entmutigend, müssen aber zu 100 Prozent gelöst werden.
Wenn der Versuch scheitert und die Brennstäbe mit Luft in Berührung kommen, werden sie sich entzünden und Radioaktivität in unvorstellbarer Menge in die Atmosphäre freisetzen. Die Kühlwanne könnte auch zusammen mit den Brennelementen auf den Boden stürzen; der sich dort auftürmende, Radioaktivität abstrahlende Schuttberg könnte sogar explodieren. Die dabei entstehende radioaktive Wolke würde die Gesundheit und Sicherheit von uns allen bedrohen.

Der bei der Tschernobyl-Katastrophe 1986 freigesetzte radioaktive Fallout erreichte Kalifornien innerhalb von zehn Tagen, die 2011 in Fukushima freigesetzte Radioaktivität kam schon nach weniger als einer Woche dort an. Eine neue Kernschmelze in der Einheit 4
würde einen Jahrhunderte andauernden tödlichen Strom von Radioaktivität über die ganze Erde ausgießen.

Petition: Keep harmful radioactive waste out of our children’s food, whether conventionally grown or organic! Say Bye Bye Becquerels!s. http://petitions.moveon.org/sign/keep-harmful-radioactive-1.fb26?source=c.fb&r_by=7470505

Murata Mitsuhei, der ehemalige Botschafter (Japans in der Schweiz) sagte, der in Fukushima drohende gesamte radioaktive Fallout könnte “weltweit die Umwelt und unsere Zivilisation zerstören”. Es geht nicht mehr um Raketentechnik oder um hitzige Debatten über Kernkraftwerke, sondern um das Überleben der Menschheit.

Electric noch die Regierung Japans können dieses gewaltige Problem allein lösen. Wenn es versäumt wird, ein aus den besten Wissenschaftlern und Ingenieuren unseres Planeten bestehendes Team mit der Lösung des Problems zu beauftragen, ist das nicht zu entschuldigen. Es bleiben uns noch höchstens zwei Monate zum Handeln.

Eine dazu aufrufende Petition ist  HIER nachzulesen:
Deshalb ersuchen wir in einer Petition die Vereinten Nationen und den Präsidenten Obama, die Wissenschaftler und Ingenieure der Welt zu mobilisieren und mit der Bergung der abgebrannten Brennelemente in Fukushima zu beauftragen.

Auch Sie können diese Petition unter http://petitions.moveon.org/sign/the-world-community -must unterzeichnen.
Wenn Sie eine bessere Idee haben, dann sollten Sie diese einbringen. Aber tun Sie etwas, und tun Sie es jetzt.
Die Uhr tickt. Die Zeiger zeigen 5 Minuten vor zwölf; die atomare Katastrophe, die unsere
Welt vernichten würde, ist bedrohlich nahe gerückt.

Harvey Wasserman ist Chefredakteur der “Columbus Free Press”  und der “Free Press“:

Er betreibt auch die Website “Nuke Free” :

Netzfrau Fee Striefler

http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_13/LP14313_250913.pdf

Original:  Humankind’s Most Dangerous Moment: Fukushima Fuel Pool at Unit 4. “This is an Issue of Human Survival.”By Harvey Wasserman September 20, 2013

weitere Informationen:  Alte, marode Atommeiler werden zu „Kartenhäusern“ – Leck in AKWs in USA und Frankreich!

Fukushima – Radioaktives Wasser in den Pazifik und Krebsfälle bei Kindern steigt – “Das China Syndrom”

 

ÜBER UNS

SPIEGEL ONLINE

09. Juli 2013, 11:14 Uhr

Leck im AKW Fukushima

Radioaktive Belastung des Grundwassers steigt dramatisch

Erneute Panne in Fukushima: Am zerstörten Atomkraftwerk hat sich die Konzentration radioaktiver Stoffe im Grundwasser stark erhöht. Die Betreiberfirma Tepco fahndet noch nach der undichten Stelle am Reaktor.

Fukushima – Aus einem noch unentdeckten Leck im japanischen Katastrophenreaktor Fukushima sind offenbar radioaktive Stoffe ins Grundwasser geraten. Die Cäsium-Belastung lag am Dienstag 90-mal höher als noch drei Tage zuvor. Díe Konzentration des mutmaßlich krebserregenden Cäsium-134 sei auf 9000 Becquerel pro Liter gestiegen, gab die Betreiberfirma Tepco am Dienstag bekannt. Der zulässige Grenzwert liegt bei 60 Becquerel.

“Wir wissen noch nicht, warum die Belastung in die Höhe geschossen ist”, sagte ein Tepco-Sprecher. “Wir versuchen, eine weitere Verunreinigung zu verhindern.”

Auch die Grundwasserbelastung mit Cäsium-137 schoss auf 18.000 Becquerel hoch, was 200-mal höher ist als erlaubt. Die Stoffe gelten als krebserregend, wenn sie sich in Muskeln und Knochen ansammeln. Auch die Belastung durch andere gefährliche Substanzen ist in den vergangenen Tagen angestiegen.

Im Juni hatte Tepco noch beteuert, das Grundwasser um das Kraftwerk sei durch Stahlböden und das Betonfundament geschützt. Lecks waren jedoch trotzdem immer wieder aufgetreten. Die Katastrophe von Fukushima infolge eines schweren Erdbebens und Tsunamis am 11. März 2011 war das folgenschwerste Atomunglück seit Tschernobyl.

Die Vereinten Nationen hatten im Juni die gesundheitlichen Folgen des Reaktorunglücks untersucht und Entwarnung gegeben. Die Havarie wird demnach weder direkt zu Todesfällen noch zu einer erhöhten Zahl von Krebserkrankungen führen. Der Unfall habe damit keine direkten Gesundheitsfolgen für die Bevölkerung, heißt es in der Studie. Grund dafür sei vor allem die schnelle Evakuierung der Region durch die japanischen Behörden.

Rund 160.000 Menschen waren in kurzer Zeit aus der Gefahrenzone gebracht worden. Die Strahlendosis für die Bewohner der Region sei dadurch auf ein Zehntel der Dosis gesunken, die sie abbekommen hätten, wenn sie geblieben wären, berichtete das Uno-Komitee für die Folgen von Strahlung (Unscear).

hda/AFP

 

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Seit 1982 wurde kein neues Atomkraftwerk mehr in Auftrag gegeben.

1989 wurde die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf aufgegeben.

Mit dem Aufkommen alternativer Energien flaute in Deutschland die Konjunktur der Kernkraft ab. 1982 wurde mit dem Bau des letzten Kernkraftwerks in Deutschland begonnen, dem KKW Isar/Ohu 2. Noch in den 1980er-Jahren war einzig die Kohlekraft eine realistische Alternative, die schon damals aus ökologischen Gründen problematisch erschien. Doch als die erneuerbaren Energiequellen in den 1990er-Jahren immer substanzieller erschienen, geriet die Kernenergie aufs Abstellgleis. Der unermüdliche Widerstand der Bürgerinitiativen gegen Atomkraft und die Erfahrungen der Atomunfälle in Harrisburg, Tschernobyl und zuletzt in Fukushima taten ihr Übriges.

In den Zeiten des Wiederaufbaus Deutschlands war die Euphorie riesengroß. In den 1950er-Jahren war die Rede von den „unabsehbaren Chancen der friedlichen Atomnutzung“. Mithilfe des Atoms würde die Menschheit die Wüsten und Eiswüsten erblühen lassen, so lauteten die Prognosen – die freilich wenig Rücksicht auf mögliche Kollateralschäden nahmen.

Es gibt  viele Beispiele für die frühe Atombegeisterung, die aus heutiger Sicht nur noch skurril wirken. So hat der West-Berliner Senat unter Willy Brandt nach dem Mauerbau 1961 ernsthaft die Errichtung eines Kernkraftwerks erwogen, um die Stadt energieautark zu machen. Als Standort war die Pfaueninsel vorgesehen, die direkt an der Grenze zur DDR lag – und in unmittelbarer Nähe zu Wohngebieten von Millionen Menschen.

Der spätere Bundeskanzler und SPD-Vorsitzende Brandt war in jüngeren Jahren ein großer Anhänger der Kernenergie, eine Position, die in seiner Partei weit verbreitet war und 1959 ihren Niederschlag im Godesberger Programm gefunden hatte.

 

 

Rheinische Post:

26.02.2013 http://www.rp-online.de/panorama/ausland/dekontaminierungs-drama-in-fukushima-1.3222215
Zwei Jahre nach der Katastrophe Dekontaminierungs-Drama in Fukushima

Fukushima (RPO). Zwei Jahre nach dem GAU in Fukushima nach dem schweren Erdbeben und Tsunami vom 11. März 2011 versucht Japan das eigentlich Unmögliche: In einem beispiellosen Kraftakt soll die Verstrahlung von riesigen unbewohnbar gewordenen Gebieten zumindest gesenkt werden.

Zwischen schneebedeckten Reisfeldern, Wiesen und Wäldern türmen sich Berge aus großen schwarzen Plastiksäcken auf. Mit weißen Masken vermummte Japaner in Bauarbeiterkluft stehen um einen Bagger, der weitere Säcke von einem Laster lädt. Auf die Säcke sind Mikrosievert-Zahlen gekritzelt – der Inhalt: radioaktiver Abfall.

Vom Staat beauftragte Unternehmen lassen Arbeiterkolonnen Gras und Äste an Berghängen von Hand abschneiden. Mit kleinen Baggern und Schaufeln werden an manchen Stellen bis zu fünf Zentimeter Erde abgetragen, Dächer mit Papier abgewischt. Da in Ermangelung eines Zwischenlagers niemand weiß, wohin damit, landet das Ganze in Säcken. Manche werden vergraben, auch auf Schulhöfen. “Die Säcke halten drei Jahre”, erzählt einer der Arbeiter der Nachrichtenagentur dpa. So wie hier in einem wie ausgestorben wirkenden Bezirk innerhalb der 20-Kilometer-Evakuierungszone um das Atomkraftwerk Fukushima ist die gesamte umliegende Region übersät mit Atommüllhalden.

Szenenwechsel: Mitarbeiter von Greenpeace Deutschland nähern sich in der Provinz-Hauptstadt Fukushima einem verschneiten Spielplatz. Passanten schauen kurz her und gehen dann stumm vorüber. Plötzlich schlägt das Strahlenmessgerät vor einer Rutsche auf über zehn Mikrosievert [pro Stunde] aus. “In Deutschland mit einem Grenzwert von einem Millisievert im Jahr zusätzlicher Strahlung wäre der schon nach etwa vier Tagen erreicht”, sagt Greenpeace-Atomexperte Heinz Smital. “Dass es nach zwei Jahren immer noch solche hochgradig kontaminierten Stellen auf Spielplätzen gibt, ist unerträglich.” Kurz darauf misst er auf einem Parkplatz neben dem Bahnhof gar 40 Mikrosievert.

“Hier wird Normalität vorgespielt”

“Ich finde das unheimlich”, erzählt Hiremi Nakagawa (58) aus Tokio, der gerade vorbeikommt. “Aber die Menschen hier in Fukushima scheinen sich damit abgefunden zu haben. Es trägt auch keiner eine Maske.” Für zwei Jahre unterstützt er die Dekontaminierungsarbeiter im Ort Minamisoma als Koch. “Hier wird den Menschen Normalität vorgespielt”, beklagt Smital. Dass der Staat in unbewohnten Gebieten einen derart großen und fragwürdigen Aufwand betreibt, es zugleich aber in der Stadt Fukushima noch immer hoch verstrahlte Stellen gibt, ist für ihn unverständlich. Der Parkplatz befindet sich nur wenige Meter vom Dekontaminierungsbüro des Umweltministeriums entfernt.

Für solche Gebiete seien die jeweiligen örtlichen Regierungen zuständig, weist der verantwortliche Beamte Shota Kato im Ministerium in Tokio die Schuld von sich. “Wir als Staat übernehmen die höher verstrahlten Gebiete, weil die Dekontaminierung solcher Gebiete aufwändiger ist.” Zugleich räumt er ein, dass man sich über den Erfolg der Maßnahmen selbst nicht sicher ist. “Das müssen wir alles sehen.” Greenpeace-Experte Smital sagt: Eine Dekontaminierung ganzer Landstriche sei gar nicht möglich.

Die regionalen Behörden hätten Anweisung, gerade Stellen, wo sich viele Kinder aufhalten, mit Vorrang zu dekontaminieren, fährt Kato vom Umweltministerium fort. “Und es wird auch meistens so gemacht.” Die Versuche, der unsichtbaren Gefahr mit Händen und Schaufeln beizukommen, wirken aber eher hilflos – auch auf viele Anwohner.

“Die handhaben das, als wären es normale öffentliche Bauarbeiten. Die wollen einfach nur schnell fertig werden”, kritisiert Yoshihiko Kanno. Der Familienvater aus Fukushima kämpft seit dem GAU für den Schutz der Kinder in seinem Stadtteil Watari. Weil die Stadtverwaltung auf dem Schulhof die Erdoberfläche anfangs abkratzen und die kontaminierte Erde an gleicher Stelle tiefer vergraben wollte, gründete Kanno aus Protest zusammen mit vier Müttern die Bürgerinitiative “Schützt die Kinder von Watari”. Seine Forderung, Watari als Evakuierungszone anzuerkennen, blieb aber erfolglos.

Dass der Staat sich bevorzugt um die Dekontaminierung der evakuierten Gebiete kümmert, damit die Menschen möglichst schnell wieder in ihre Häuser zurückkehren, werten Kritiker als Versuch, die gigantischen Kompensationszahlungen einzugrenzen. “Die Regierung versucht, Geld zu sparen, indem sie die Menschen zwingt, in eine Gegend zurückzukehren, die noch verstrahlt ist”, kritisiert Greenpeace-Experte Smital. Andere sehen darin das Bestreben des neuen rechtskonservativen Premiers Shinzo Abe, die Auswirkungen des Atomunfalls herunterzuspielen – das soll den Widerstand im Volk gegen ein Wiederanfahren der Atomreaktoren in Japan aufweichen.

 

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18.11.12 www.heute.de/ZDF/zdfportal/web/heute-Nachrichten/4672/25318058/2049dd/Fukushima-Strahlensch%C3%A4den-bei-Kindern.html

Fukushima: Strahlenschäden bei Kindern

Schilddrüsenerkrankungen sprunghaft angestiegen

Anderthalb Jahre nach der Atomkatastrophe von Fukushima belegt eine Studie: Bei Kindern stieg die Zahl der Schilddrüsenerkrankungen sprunghaft an. Doch offiziell mag keiner der Experten einen Zusammenhang mit der Strahlung herstellen. Viele Japaner glauben, die Regierung spiele die Folgen der Katastrophe herunter, berichtet ZDF-Korrespondent Johannes Hano.  Video Fukushima: Dramatische Folgen für Kinder (18.11.2012)

Unser japanischer Gast, Herr Kobayashi, hat uns letzte Woche erzählt, wie korrumpierte Ärzte in Japan zu „Strahlenexperten“ gemacht werden. Auch hat Herr Kobayashi aus Tokio uns in der vergangenen Woche in Ulm und in Augsburg bewegend dargestellt, wie in Japan ein unheilvolles Dreierbündnis aus regierenden Beamten, abhängigen Politikern und Konzernen weiter den Atomkurs steuert. Und wie schlimm es ist, dass die Medien fast ausschließlich im Sinne dieses Dreieratombündnisses im Fernsehen und in den Zeitungen berichten.

Bei uns ist es besser. Zwar schürt die Augsburger Allgemeine mit ihren Lokalausgaben weiter über eine verlogene Strompreisdiskussion das Unbehagen an der Energiewende und läßt Kritik an der Atomenergie nur selten ins Blatt – aber es gibt auch andere Medien. Früher war die Augsburger Allgemeine mit ihrer Monopolstellung stark. Jetzt schrumpft ihre Macht von Jahr zu Jahr. Andere Medien und das Internet machen dies möglich. Natürlich kam niemand von der AZ zu den Veranstaltungen mit Herrn Kobayashi. Deswegen nachstehend ein Bericht aus Hessen und einer aus der Schweiz:

12.11.12  www.fr-online.de/kreis-offenbach/fukushima–was-seid-ihr-fuer-verbrecher-,1473032,20851872.html

 


Kreis Offenbach

Fukushima “Was seid ihr für Verbrecher”

Von Juliane Mroz


Ein Polizist erteilt Fukushima-Demonstranten in Tokio Anweisungen.  Foto: dpa

Japaner sind immer freundlich und zurückhaltend. Kazuhiko Kobayashi ist das nicht. Er ist Atomkraftgegner. In Langen informiert er über die Lage in Fukushima anderthalb Jahre nach dem Reaktorunfall und sammelt Spenden für ein Krankenhaus.

Der Stadtverordnetensitzungssaal im Langener Rathaus war am Freitagabend voll besetzt. Anlass war der Besuch des japanischen Atomkraftgegners und Buchautors Kazuhiko Kobayashi bei der Initiative Langen gegen Atomkraft. Er berichtete über die Lage in Japan mehr als eineinhalb Jahre nach dem Reaktorunfall in Fukushima.

Hohe Strahlung

Das Erdbeben am 11. März 2011 löste die Katastrophe im Atomkraftwerk Fukushima aus.

Die Kraftwerksruine ist bis heute nicht unter Kontrolle. Hohe Strahlung erschwert die Arbeit.

Atomkraftkritiker befürchten einen Supergau im Falle eines weiteren schweren Erdbebens.

Von 4000 Kindern in der Region haben 40 Prozent Symptome einer Schilddrüsenerkrankung.

„Jeder kleine Junge, jedes kleine Mädchen in Japan weiß, dass dort jederzeit ein großes Erdbeben kommen kann“, sagt Kobayashi. „Ich war sehr wütend, als die Verantwortlichen von Tepco sagten, die Explosion sei durch die Naturgewalt gekommen, die weit über unsere Vorstellung hinausgegangen sei.“

Immer mehr Wut

Mehr und mehr Japaner scheinen diese Wut zu teilen und verleihen ihr inzwischen auch Ausdruck. Seit Juni 2012 versammeln sich jeden Freitagabend Tausende Menschen am Haus des Premierministers in Tokyo, im Stadtpark Yoyogi-Kōen demonstrierten Mitte Juli rund 170.000 Menschen, 200.000 nahmen Ende Juli an einer Kerzen-Demonstration teil.

„Doch viele ahnungslose Bürger glauben noch, was die Behörden sagen. Sie wollen nicht kritisch hinterfragen.“ Zum einen gelte Gehorsam in der japanischen Kultur als Tugend, was ebenso historisch bedingt sei wie die Tatsache, dass die Regierung felsenfest hinter den Konzernen stehe. Des Weiteren habe Japan wenig Chancen gehabt, wissenschaftlichen Nutzen aus den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki zu ziehen. „Die Amerikaner forschten an den Strahlenopfern, japanischen Wissenschaftlern war das nicht erlaubt.“

Propaganda gegen Allergie

Später habe die Regierung versucht, die „Allergie“ der Japaner gegen Atomenergie mit Propaganda für angeblich sichere und saubere Atomkraftwerke zu bekämpfen. „In japanischen Physikbüchern steht nichts über die Gefahren der Atomenergie.“ Eine Folge dieser Politik sei auch, dass es in Japan kaum Spezialisten gebe, die sich mit Strahlenschäden auskennen. Das bestätigt auch die Dietzenbacher Ärztin Dörte Siedentopf, die den Abend moderierte und die im Sommer 2012 die Region Fukushima besucht hat. „Die Ärzte in Japan haben keine Ahnung, die Gefahr wird vertuscht, Menschen erfahren ihre Befunde nicht.“ Aus diesem Grund sei es auch sinnvoll, Geld für ein von der Regierung unabhängiges Krankenhaus in der Präfektur Fukushima zu sammeln – eines der Ziele von Kobayashis Europatour – und zwar, obwohl Japan ein so hoch entwickeltes und wohlhabendes Land sei.

Die Spenden, die er auf seiner Reise durch Deutschland, Frankreich und die Schweiz sammelt, will Kobayashi nutzen, um die Verantwortlichen in Fukushima an ihrer Ehre zu packen. „Ich werde sagen, europäische Bürger zeigen sich solidarisch und haben gespendet, und was habt ihr bisher für die Betroffenen getan? Nichts. Was seid ihr für Verbrecher!“

12.11.12  Winterthur www.landbote.ch/detail/article/warnende-worte-aus-fukushima/gnews/99213611/

 

 

Warnende Worte aus Fukushima

Ein japanischer Atomkritiker ist zurzeit auf Vortragsreise durch Europa. Gestern machte er im Weinland Station.

Kazuhiko Kobayashi liess kaum ein gutes Haar an seiner Regierung, als er gestern in der Benkemer «Sonne» über die Folgen von Fukushima referierte. Gekommen war er auf Einladung von fünf atomkritischen Vereinen aus der Region, allesamt Gegner des geplanten Atommüll-Endlagers (siehe auch Hauptartikel oben).

Benken ist eine von 25 Stationen auf der Vortragsreise des japanischen Journalisten und Atomstromgegners durch Deutschland, die Schweiz und Frankreich. Nach dem Unglück in Fukushima habe ihn der Entscheid Deutschlands, aus der Atomener­gie­­ auszusteigen, motiviert, in diesem Land die Leute stärker zu mobilisieren und damit indirekt auch Druck auf die japanische Regierung auszuüben, erläuterte der Redner seine Motivation in perfektem Hochdeutsch. Kobayashi hatte nach seinem Germanistikstudium fast dreissig Jahre in Deutschland gelebt und gearbeitet. «Nur fürs Geld zu arbeiten, hat mich jedoch nie glücklich gemacht», sagt er. Er habe sich schon immer auf eine Art engagieren wollen, die ihm seelisches Wohlbefinden bringe.

Im Frühling 2011, als sich das verheerende Erdbeben ereignete, befand sich Kobayashi im Arbeitszimmer seiner Wohnung in Tokio. «Als ich die Erde beben spürte, rannte ich ins Wohnzimmer und versuchte, meine Mutter zu schützen. Ich dachte, ich überlebe das nicht», berichtet er mit Tränen in den Augen. Er habe den Fernseher eingeschaltet und gesehen, wie die Explosion im Kernkraftwerk von den Verantwortlichen mit dem Erdbeben erklärt wurde. «Ich war wütend und gleichzeitig wie gelähmt.»

Referat als Bestätigung

In Japan wisse ein Grossteil der Bevölkerung noch immer nicht, wie gefährlich die Auswirkungen des Unglücks in Fukushima seien. Den Grund dafür sieht er in drei Faktoren, welche die japanische Gesellschaft stark prägten. Zum einen herrsche die Idee vor, dass ein Land nur regiert werden könne, wenn das Volk gehorsam sei. Zweitens beeinflusse die amerikanische Politik die Forschung der japanischen Ärzte; so ist die Forschung an Japanern aus verseuchten Gebieten in Hiroshima nach wie vor nur amerikanischen Ärzten erlaubt. Der dritte Faktor sei ein Bündnis zwischen Beamten und Konzernen. Dieses kontrolliere die den Japanern zugängliche Information und mache sie unter anderem glauben, dass die Kontamination ausserhalb eines Perimeters von 20 Kilometern rund um Fukushima nicht mehr gefährlich sei. «Das ist Quatsch!»

Mut macht dem Japaner, dass sich wöchentlich bis zu 200 000 Atomkraftgegner in Tokio zu friedlichen Demonstrationen versammeln. Zudem sammelt er mit seinen Vorträgen Spenden, die ein unabhängiges Ärztebündnis unterstützen sollen. Dieses plant eine Klinik für Kinder, die an den Folgen des Fukushima-Unglücks erkrankt sind. Für die Endlagergegner im Weinland war das Referat eine Bestätigung, an ihrem Widerstand festzuhalten.

Deborah Stoffel