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CO2-Emissionen

Durch den Einsatz klimaneutraler Technik könnten die Stahl-, Zement- und Chemieindustrie bis 2030 die nötigen Treibhausgasminderungen für alle im europäischen Emissionshandel erfassten Industriesektoren erfüllen. Bislang werden diese Schlüsseltechnologien in der europäischen Diskussion jedoch vernachlässigt. Damit gefährdet die EU ihre langfristigen Klimaziele.

Berlin, 18. November 2020. Die in der EU diskutierten technischen Lösungen zur Minderung von Treibhausgasemissionen in der europäischen Stahl-, Zement- und Chemieindustrie bis 2030 verfehlen das langfristige Ziel der Klimaneutralität. So lässt die Europäische Kommission den Einsatz von klimaneutraler Technik in Stahl-, Zement- und Chemiefabriken bislang fast vollkommen außer Acht: Laut Climate Impact Assessment der Kommission, der Folgenabschätzung über ein höheres Klimaziel bis 2030, sind Emissionsminderungen in europäischen Fabriken in der nächsten Dekade fast ausschließlich durch Investitionen in Effizienzsteigerungen konventioneller Anlagen vorgesehen. Konventionelle Anlagen neuzubauen ist jedoch aufgrund ihrer langen Lebensdauer von durchschnittlich 40 Jahren und im Hinblick auf das im European Green Deal formulierte Ziel der Klimaneutralität 2050 keine nachhaltige Strategie, zeigt eine Studie von Agora Energiewende. Stattdessen sollten Industrieunternehmen schon im nächsten Investitionszyklus in klimaneutrale Schlüsseltechnologien investieren.

Denn mit klimaneutralen Schlüsseltechnologien könnte die Stahl-, Zement- und Chemieindustrie in den nächsten zehn Jahren die notwendigen Emissionseinsparungen für die gesamte Industrie erzielen, die unter den europäischen Emissionshandel fällt – und damit zu einem höheren EU-Klimaziel 2030 von mindestens 55 Prozent weniger Emissionen beitragen. Zudem konterkarieren Investitionen in konventionelle Anlagen das Ziel der Klimaneutralität bis 2050: Spätestens dann dürfen nur noch klimaneutrale Anlagen laufen, damit die Industrieemissionen auf null sinken. Entsprechend stehen konventionelle Industrieanlagen in den 2040ern vor dem Aus. Anlagen, die in den 2020ern gebaut werden, erreichen somit nicht mehr ihr technisches Lebensende. „Unter diesen Umständen ist es fraglich, ob Industrieunternehmen überhaupt noch in den Standort Europa investieren“, sagt Frank Peter, stellvertretender Direktor von Agora Energiewende. Dabei gebe es in den kommenden zehn Jahren einen hohen Reinvestitionsbedarf, und viele klimaneutrale Schlüsseltechnologien seien schon vor 2030 einsatzbereit.

Kurzfristige Erfolge, statt nachhaltige Emissionsminderungen

„Wir laufen gerade Gefahr, dass die EU kurzfristige Emissionsminderungserfolge in der europäischen Stahl-, Zement- und Chemieindustrie über langfristige Klimaziele stellt. Dabei ist bei der nachhaltigen Umstellung auf klimaneutrale Industrieprozesse der Weitblick entscheidend“, sagt Peter. „Industrieanlagen haben eine Lebensdauer von bis zu 70 Jahren – das heißt Investitionen in rein konventionelle Anlagen sind bereits heute nicht mehr kompatibel mit dem langfristigen Ziel der Klimaneutralität. Um Investitionsruinen zu vermeiden, muss die Entscheidung fortan auf die klimaneutrale Innovation fallen.“ Nur so würde sowohl das 2030er- als auch das 2050er Klimaziel der EU erreicht werden.

Bei einem erhöhten 2030-Klimaziel von mindestens 55 Prozent müssten die Treibhausgasemissionen der energieintensiven Industrien, die unter den europäischen Emissionshandel fallen, bis 2030 um 27 Prozent gegenüber 2019 zurückgehen. Das entspricht rund 140 Millionen Tonnen CO₂. Laut Agora-Studie könnten die energieintensiven Unternehmen eine Minderung in Höhe von 145 Millionen Tonnen CO₂ allein dadurch erzielen, dass sie konsequent in klimaneutrale Technik investieren. Das gelte insbesondere für die anstehenden Reinvestitionen. Die Stahlindustrie könnte bis 2030 bereits ein Drittel von 188 Millionen Tonnen CO₂ im Jahr 2017 nachhaltig reduzieren: Wenn sie ab sofort von kohlebetriebenen Hochöfen, die das Ende ihrer Laufzeit erreichen, auf Direktreduktionsanlagen umrüstet. Diese Anlagen können anfänglich mit Erdgas betrieben werden und mit zunehmender Verfügbarkeit auf klimaneutralen Wasserstoff umstellen.

In Chemiewerken wird die Umstellung auf elektrische Wärmeerzeugung anstelle von erdgasbetriebenen Dampfkesseln wichtig: Bei einem beschleunigten Kohleausstieg – wie im Impact Assessment der Kommission angenommen – würde der europäische Strommix 2030 wesentlich sauberer werden und Strom entsprechend klimafreundlicher als Erdgas. Durch die Umstellung auf das sogenannte Power-to-Heat-Verfahren kann die Chemieindustrie laut Agora-Berechnung ein Fünftel ihrer CO2-Emissionen einsparen. Für die klimaneutrale Zementproduktion ist der Aufbau einer Infrastruktur zu CO₂-Abscheidung und -Lagerung – sogenanntes Carbon Capture and Storage (CCS) – zentral. Denn bei der Zementproduktion entsteht während des Klinkerbrennens unvermeidbar CO2. Der Zementindustrie eröffnet sich durch eine CCS-Infrastruktur zudem langfristig die Option zu negativen Emissionen beizutragen: Wenn sie CO₂-neutrale Biomasse als Brennstoff nutzt und dann das CO₂ anschließend mit CCS-Technik der Atmosphäre entzieht.

Industrieunternehmen fehlt aktuell Entscheidungsfreiheit

„Industrieunternehmen zeigen zunehmend Interesse an klimaneutraler Technik. Was ihnen fehlt, sind die Rahmenbedingungen für ein klimaneutrales Geschäftsmodell. Es ist Aufgabe der EU, einen Rahmen für die Investition in klimaneutrale Innovationen zu schaffen“, sagt Frank Peter. Mit der Aussicht auf hohe CO₂-Preise, strengere Umweltvorschriften und eine rückläufige Nachfrage nach kohlenstoffintensiven Produkten würden Unternehmen derzeit Investitionen in CO₂-intensive Anlagen scheuen. „Unter den aktuellen Bedingungen ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie ihre Investitionen in Länder mit niedrigeren Umweltanforderungen verlagern. So steigen die Industrieemissionen andernorts und europäische Industriestandorte gehen verloren. Die EU sollte daher jetzt das Paket für den klimaneutralen Umbau der energieintensiven Industrie schnüren.“

Die Zusammenfassung „Breakthrough Strategies for Climate-Neutral Industry in Europe“ ist in Zusammenarbeit mit dem Wuppertal Institut entstanden. Die Studie ist in englischer Sprache erschienen und skizziert die wesentlichen Technologiepfade für nachhaltige Emissionsminderungen in Stahl-, Zement- und Chemiefabriken. Zudem enthält sie ein Maßnahmenpaket mit Politikinstrumenten, um den klimaneutralen Umbau der europäischen Grundstoffindustrie anzustoßen. Die 38-seitige Publikation steht unter www.agora-energiewende.org zum kostenlosen Download zur Verfügung. Die Veröffentlichung der Gesamtfassung ist für Anfang 2021 vorgesehen.

Foto: Agora Energiewende

Prof. Dr. Diana Hehenberger-Risse
Landshut, 9. Juni 2020
Digitales Energiemanagementsystem – am Beispiel smarte Hochschule
Im zweiten Webinar der Landshuter Energiegespräche am Montag, 22. Juni, ab 18.30 Uhr stellt Prof. Dr. Diana Hehenberger-Risse das Projekt “DENU – Digitales Energiemanagementsystem – am Beispiel smarte Hochschule” vor.

Damit Deutschland seine energie- und umweltpolitischen Ziele erreichen kann, müssen der Energieverbrauch und die damit verbundenen CO2-Emissionen drastisch sinken. Einen wesentlichen Beitrag dazu können Systeme zur digitalen Übertragung und Auswertung von Energieverbräuchen und energierelevanten Daten in Echtzeit leisten. Aus den so gewonnen Erkenntnissen wird ein mit internationalen Standards konformes Energiemanagementsystem entwickelt, das Unternehmen und Regionen als Werkzeug dient, die Energiewende umzusetzen. Hehenberger-Risse berichtet im Webinar über Erfahrungen aus dem laufenden DENU-Projekt an der Hochschule Landshut und stellt ihre Überlegungen zu einer smarten Hochschule vor.

Nachhaltige Energieversorgung im Mittelpunkt

Die Landshuter Energiegespräche informieren über aktuelle Entwicklungen in den Bereichen Energietechnik, Energiewirtschaft und Energiepolitik. Im Sommersemester 2020 steht das Thema „nachhaltige Energieversorgung“ im Mittelpunkt der Landshuter Energiegespräche. Das Thema behält auch in Zeiten von Corona und den damit verbundenen Einschränkungen bei der Durchführung von Präsenzveranstaltungen seine Bedeutung, deshalb gehen die Landshuter Energiegespräche in diesem Semester „online“. An drei Terminen bietet sich die Möglichkeit, in Webinaren Vorträge rund um das Thema nachhaltige Energieversorgung online zu verfolgen und sich an der anschließenden Diskussion zu beteiligen.

Den Auftakt der Reihe machte am 25. Mai Prof. Dr. Josef Hofmann, der über seine Erfahrungen mit Bau und Betrieb einer Stromversorgung im Einfamilienhaus mit Photovoltaik und Batteriespeicher referierte. Über 170 online zugeschaltete Teilnehmerinnen und Teilnehmer informierten sich und konnten Ideen und Lösungen für die Installation einer eigenen Anlage sammeln. Im Internet unter www.haw-landshut.de/la-energiegespraeche ist neben der Präsentation auch der Videomitschnitt der Veranstaltung abrufbar. Über diesen Link erfolgt auch die Anmeldung zur Teilnahme an der aktuellen Veranstaltung. Anmeldeschluss ist Montag, 22. Juni 2020, 12.00 Uhr.

Foto: Hochschule Landshut

Über die Hochschule Landshut:
Die Hochschule Landshut steht für exzellente Lehre, Weiterbildung und angewandte Forschung. Die sechs Fakultäten Betriebswirtschaft, Elektrotechnik und Wirtschaftsingenieurwesen, Informatik, Interdisziplinäre Studien, Maschinenbau und Soziale Arbeit bieten über 30 Studiengänge an. Das Angebot ist klar auf aktuelle und künftige Anforderungen des Arbeitsmarktes ausgerichtet. Die rund 5.000 Studierenden profitieren vom Praxisbezug der Lehre, der individuellen Betreuung und der modernen technischen Ausstattung. Für Forschungseinrichtungen und Unternehmen bietet die Hochschule eine breite Palette an Projektthemen, die von wissenschaftlichen Fachkräften mit bestem Know-how betreut und umgesetzt werden. Über 118 Professorinnen und Professoren nehmen Aufgaben in Lehre und Forschung wahr.