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MIT INNOVATION GEGEN DEPRESSION

Mit Innovation gegen Depression

Bezirkstagsvizepräsident Dr. Thomas Pröckl erhält beim ‚Rollenwechsel‘ tiefe Einblicke in moderne Therapieverfahren gegen Depressionen

 

Wie sich die transkranielle Magnetresonanzstimulation anfühlt, konnte Dr. Thomas Pröckl ansatzweise am eigenen Leib erfahren. Im Bild v. l.: Ulrich Kornacher, Leitender Arzt, Bezirkstagsvizepräsident Dr. Thomas Pröckl und Monika Mautner, TMS-Therapeutin

 

Um Führungskräften neue Perspektiven und Einblicke in den Alltag der Einrichtungen des Bezirks Niederbayern zu verschaffen, wurde das Projekt ‚Rollenwechsel‘ ins Leben gerufen. So verbrachte Bezirkstagsvizepräsident Dr. Thomas Pröckl einen Tag im Zentrum für integrale Depressionsbehandlung am Bezirksklinikum Mainkofen. In diesem Zentrum wird Patienten eine breite Palette an Therapieoptionen geboten: von der klassischen, psychiatrischen und psychotherapeutischen Behandlung bis hin zu sogenannten biologischen Therapieverfahren.

Der Tag startet für Dr. Pröckl im Behandlungsraum auf der Station D9. Dort erwarten ihn der leitende Arzt Ulrich Kornacher sowie ein Facharzt für Anästhesie und eine Gesundheits- und Krankenpflegerin. Es stehen mehrere Behandlungen mit der sogenannten Elektrokonvulsionstherapie, kurz EKT, auf der Agenda. Für den Bezirkstagsvizepräsidenten ist es die perfekte Gelegenheit, um diese Therapieform aus nächster Nähe kennenzulernen. „Am 6. April 2016 haben wir mit der EKT in Mainkofen begonnen. Seitdem nimmt die Nachfrage stetig zu. Mittlerweile liegen wir bei etwa 1.100 Sitzungen pro Jahr“, berichtet Kornacher. Infrage käme die Behandlung für Patienten mit einer therapieresistenten depressiven Erkrankung und dem damit verbundenen hohen Leidensdruck sowie bei katatonen Zuständen im Rahmen einer Schizophrenie.

Die Behandlung selbst ist inzwischen medizinische Routine. Am Bezirksklinikum führen sie Ulrich Kornacher und der Anästhesist gemeinsam während einer Kurznarkose durch, die einige Minuten dauert. In dieser Zeit wird über eine Maske beatmet und die Muskulatur medikamentös entspannt. Dies garantiert durchgehend eine optimale Sauerstoffsättigung des Patienten. Danach wird das Gehirn für wenige Sekunden mit sehr kurzen elektrischen Impulsen gezielt über die Kopfhaut stimuliert. So wird ein Teil der Nervenzellen zu einer Aktivität im gleichen Takt angeregt. Nach etwa einer Minute kehren diese selbstständig wieder in ihren ursprünglichen Funktionszustand zurück. Die Muskulatur bleibt dabei entspannt. Lediglich kleinere Muskelzuckungen sind bei manchen Patienten zu beobachten.

Für den ersten Patienten des Tages ist die EKT nicht neu. Er hat bereits mehrere Sitzungen in Laufe der letzten Wochen hinter sich gebracht und blickt der weiteren Therapieeinheit zuversichtlich entgegen. Wie effektiv die Sitzung verlaufen ist, kann Ulrich Kornacher sofort am EEG-Protokoll erkennen, das parallel zur Behandlung läuft. Schon nach wenigen Minuten ist alles vorbei und der Patient wird in den Aufwachraum gefahren, wo er noch einige Zeit medizinisch überwacht wird. Wenig später kann der Patient wieder an den Aktivitäten der Station teilnehmen.

Die zweite Station des Tages für den Bezirkstagsvizepräsidenten: die ‚repetetive Transkranielle Magnetresonanzstimulation‘, kurz (r)TMS. In diesem Verfahren werden hochintensive, gepulste Magnetfelder eingesetzt, um nach dem physikalischen Prinzip der Induktion Nervenzellen in ihrer elektrischen Aktivität zu beeinflussen. Dr. Pröckl kann sich selbst davon überzeugen, dass das Verfahren schmerzfrei verläuft. Dazu erhält er von TMS-Therapeutin Monika Mautner einen kurzen Magnetfeldimpuls auf seine Hand. „Außer einem leichten Kribbeln ist nichts zu spüren“, bestätigt er. Gleiches versichert die Patientin der morgendlichen TMS-Sitzung. Nach der Behandlung fühle sie sich ebenfalls gut. „Der Effekt der Behandlung tritt meist nach mehreren Sitzungen ein. In der Regel sind 10 bis 20 Behandlungen nötig“, so Monika Mautner. „Oft berichten Patienten aber bereits nach wenigen Sitzungen, dass sie weniger grübeln müssen. Außerdem ist bei vielen eine Verbesserung des Antriebs beobachten“, ergänzt Kornacher.

Nach den eindrucksvollen Erfahrungen bei den EKT- und TMS-Sitzungen erläutert der stellvertretende Stationsleiter Martin Raster weitere biologische Therapien sowie klassische bzw. ergänzende Behandlungsangebote im Mainkofener Zentrum für integrale Depressionsbehandlung. Dazu gehören beispielsweise das Achtsamkeitstraining und die Lichttherapie, aber auch Akupunktur, Yoga und die sogenannte Humorwerkstatt.

„Ich bin begeistert von der Vielfalt an klassischen und innovativen Therapieangeboten im Bezirksklinikum“, resümiert Dr. Pröckl bei der Nachbesprechung mit Krankenhausdirektor Gerhard Schneider und Pflegedirektor Gerhard Kellner. „Die hohe Motivation und Einfühlsamkeit der Mitarbeiter und das entsprechend große Vertrauen der Patienten sind sehr bemerkenswert“, so Dr. Pröckl. „Ich bin froh und dankbar, dass ich einen derart unverstellten Blick auf den Alltag der Depressionsbehandlung am Bezirksklinikum Mainkofen werfen durfte. Dieser Tag bestätigt mir wieder einmal, wie wichtig es ist, eine moderne und bedarfsgerechte psychiatrische Versorgungsstruktur vorzuhalten und adäquat auszubauen – und zwar nicht nur stationär.“ Jüngstes Beispiel für den Ausbau sei die neue Ambulanz für psychische Gesundheit, die der Bezirk Niederbayern im Juni an der Rottal-Inn-Klinik in Pfarrkirchen eröffnen wird.

Bei all den ambitionierten Plänen habe man mit Hemmnissen zu kämpfen, denn es werde immer schwieriger, qualifiziertes Personal zu finden, legt Krankenhausdirektor Schneider dar. Dazu Ulrich Kornacher: „Die EKT in Mainkofen ist niederbayernweit einzigartig. Im Bayernvergleich ist das Bezirksklinikum Mainkofen auf Platz 2 im Bezug auf die jährlich durchgeführten EKT-Behandlungen. Die Nachfrage steigt stetig und wir würden die Kapazitäten gern erweitern. Eine große Schwierigkeit ist dabei aber der Mangel an entsprechenden Fachärzten“. Auch die Pflege kämpfe mit Personalmangel und Nachwuchssorgen, ergänzt Pflegedirektor Kellner.

„Wir müssen gemeinsam daran arbeiten, die einschlägigen Berufe attraktiver zu machen und letztendlich müssen wir uns verstärkt darum bemühen, Fachkräfte zu gewinnen“, so Dr. Pröckl. Immer noch seien psychische Erkrankungen in der Gesellschaft mit einem Stigma belegt, so dass sich Menschen beispielsweise mit einer depressiven Erkrankung oft erst sehr spät professionelle Hilfe holen. Psychische Erkrankungen müssten daher generell noch weiter aus der Tabuzone geholt werden.

 

– sb –

 

Fotos: Bezirk Niederbayern, Bäter

 

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