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Kampf um jedes Megawatt

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Gundremmingen/Berlin – Das Nest des Widerstands befindet sich in einer gut bürgerlichen Wohngegend mitten in Augsburg. Ein Reiheneckhaus im Stadtteil Pfersee, der Oberbürgermeister wohnt nur ein paar Straßen weiter. Das Arbeitszimmer ist an drei Wänden umgeben von raumhohen Regalen voller Bücher, Ordner, Zeitschriften. Inmitten eines Papierberges sitzt Raimund Kamm an einem schmalen Schreibtisch, auf dem gerade einmal eine PC-Tastatur Platz hat. Derzeit laufen Vorbereitungen für einen Vortrag und den Weihnachtsmarkt. „Wir backen schon jetzt Plätzle“, sagt der 61-jährige Widerstandskämpfer. „Die werden dann wie jedes Jahr auf dem Dillinger Weihnachtsmarkt verkauft.“ Das bringt das Geld, das Kamm und seine Leute demnächst wohl brauchen. Mit Gebäck- und Getränkeständen rüstet sich die Bürgerinitiative für ihren Kampf gegen den Energiegiganten RWE.

Deutschland, im dritten Jahr des Atomausstiegs. Acht von 17 Atomkraftwerken sind stillgelegt, die anderen neun haben Verfallsdaten. Auch Gundremmingen, das AKW 50 Kilometer vor Augsburg mit den beiden letzten Siedewasserreaktoren der Republik, in Betrieb seit Mitte der Achtziger. Block B soll Ende 2017 geschlossen werden, Block C vier Jahre später. Doch vorher will Betreiber RWE die Reaktoren noch aufmotzen, schon seit 2001 arbeitet der Konzern darauf hin, die Leistung um 50 Megawatt hochzufahren. Das scheint nicht viel zu sein, gemessen an insgesamt 2700 Megawatt Leistung.

Aber womöglich ist es jener Zuschlag, der das alte Kraftwerk am Ende überstrapaziert, fürchten die Gegner. Und der Kampf geht weiter.

Ehemaliger Atomaufseher: Antrag sei nicht zu genehmigen

Noch dauere die Prüfung an, heißt es aus dem Bundesumweltministerium, doch die Gegner machen sich auf das Schlimmste gefasst. Nach Jahren des Prüfens könnte die Genehm

igung nun ausgerechnet in der Zeit ohne gewählte Bundesregierung fallen, fürchtet Kamm. „Wir sind entschlossen zu klagen.“ Lange Jahre Landtagsabgeordneter der Grünen, ist er einer von drei Vorsitzenden eines Vereins mit dem monströsen Namen „Forum Gemeinsam gegen das Zwischenlager und für eine verantwortbare Energiepolitik e.V.“. Die Bürgerinitiative begann 1997 mit 30 Leuten. Heute sind es 800 Mitglieder – Tendenz steigend. Bereits im Juni haben sie Bayerns Landtagspräsidentin Barbara Stamm 6700 Unterschriften gegen das frisierte AKW in die Hand gedrückt. „Inzwischen haben wir mehr als 20 000 weitere Petitionen und werden sie demnächst übergeben“, kündigt Kamm an.

Petitionen, Proteste, öffentliche Veranstaltungen: An den Mitteln der AKW-Gegner hat sich nichts geändert. Für nächste Woche lädt die Initiative in einen Hörsaal, zum neues

ten Schlag. Von Wolfgang Renneberg, bis 2009 oberster Atomaufseher der Republik, hat sich das Forum ein Gutachten fertigen lassen, Ergebnis: „Der Antrag auf Genehmigung der Leistungserhöhung ist nach vorliegender Aktenlage nicht genehmigungsfähig.“ Und der Nachweis war gar nicht so schwer.

Das Gutachten verweist auf potenzielle Schwachstellen im Herzen des Reaktors und die Risiken eines Flugzeugabsturzes, vor allem aber auf Defizite bei der Notkühlung – die Achillesferse des Kraftwerks. Von den drei Kühlsystemen, die im Ernstfall eine Kernschmelze verhindern sollen, ist eines nicht gegen das sogenannte Bemessungserdbeben geschützt. „Der gesamte Notkühlstrang 1 wird deshalb als ausgefallen angenommen“, schrieb unlängst das Bundesumweltmin

isterium auf eine Frage der Grünen. Soso.

Das Problem ist den deutschen Reaktorexperten schon lange bekannt. Bereits 1983 beschrieb der Aus

schuss Notkühlung der Reaktorsicherheitskommission (RSK) die drei Sicherheitskühlsysteme, von denen „zwei vollständig gegen Einwirkungen von außen geschützt sind“. So steht es in einem internen Protokoll der RSK. Warum das dritte Kühlsystem aber nicht geschützt ist, thematisierte der Ausschuss seinerzeit nicht. Gegen die Inbetriebnahme von Gundremmingen bestünden „keine Bedenken“, schlossen die Experten.

Dabei ließ das Atomrecht schon damals bei der Notkühlung kaum Fragen offen. 1991 behalf si

ch Betreiber RWE deswegen anders. Das Unternehmen installierte ein „zusätzliches Nachwärmeabfuhr- und Einspeisesystem“, kurz Zuna. Es sollte alle Zweifel an der Tauglichkeit des ersten Stranges ausräumen, als neues System. Dumm nur, dass Leitungen dieser Reserve-Reserve ausgerechnet durch jenes Gebäude verlaufen, in dem sich auch Teile des ersten Stranges befinden – womit ein Erdbeben gleich beide Kühlketten lahmlegen könnte. Zumindest theoretisch. Was aber bedeutet das Zuna für die Sicherheit des Reaktors?

Es sind Debatten wie aus einer anderen Zeit. Rennebergs Gutachten listet kaskadenförmig alle Gefahren auf, die auf den Erdbeben-Mangel zurückgehen könnten, Betreiber RWE weist das zurück. „Wir sind der Überzeugung, dass unsere Not- und Nachkühl

systeme in Gundremmingen den sicherheitstechnischen Kriterien des Regelwerks uneingeschränkt entsprechen.“ Auch alle hypothetischen Störfälle ließen sich so beherrschen. Bayerns Umweltministerium sieht ebenfalls kein Problem. „Das KKW Gundremmingen erfüllt alle Sicherheitsvorgaben“, heißt es da. Derweil überziehen die Grünen im Bundestag die zuständigen Behörden mit Anfragen und wundern sich über maue Antworten. „Langsam drängt sich der Verdacht auf, dass die bayerische Atomaufsicht Sicherheitsmängel von Gundremmingen vertuschen will“, mutmaßt Grünen-Atompolitikerin Sylvia Kotting-Uhl.

Von drei Notkühlsystemen nur zwei erdbebensicher

Für eine vorzeitige Abschaltung der Reaktoren, so erwarten Experten aus der deutschen Reaktorsicherheitskommission, reichen die Befunde nicht. Denkbar wäre, den Reaktor immer dann herunterzufahren, wenn eines der beiden sicheren Kühlsysteme nicht läuft, etwa wegen einer Wartung. Schon das wäre ein empfindlicher Einschnitt für RWE. Aber nun noch eine nachträgliche Anhebung der Leistung?

Selbst Gundremmingens Bürgermeister Wolfgang Mayer spricht sich dagegen aus: „Muss das sein?“, fragt der Freie-Wähler-Politiker, der bislang wahrlich nicht als Atomkraftgegner aufgefallen ist. Das ist neu: Früher war das AKW vor Ort heilig, schon wegen der Jobs und Steuereinnahmen in Millionenhöhe. Nicht umsonst wird das offizielle Wappen der Gemeinde von einem knallgelben Atomsymbol gekrönt. Aber jetzt sagt Mayer: „Man muss doch jetzt kein zusätzliches Öl mehr ins Feuer gießen. Ich hoffe, dass die Landesregierung eine weise Entscheidung trifft.“

Falls es allerdings doch auf eine Klage der Bürgerinitiative hinausläuft, Geld für die Anwälte wäre da. „Unsere Kriegskasse ist voll“, tönt Raimund Kamm. „Und das sage ich nicht zum Bluffen.“

Süddeutsche Zeitung, 7. November 2013




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