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Hochradioaktiver Atommüll: Endlager erst in hundert Jahren?

SPIEGEL ONLINE

20. April 2015, 12:00 Uhr

Hochradioaktiver Atommüll

“Endlager erst in hundert Jahren”

Wo wird der hochradioaktive Abfall aus deutschen Atomkraftwerken untergebracht? Die Einrichtung eines Endlagers werde länger dauern und teuer für den Steuerzahler, mahnt eine Regierungskommission.

Die bundesweite Suche nach einem Endlager für hochradioaktiven Atommüll und dessen Bau könnten sich nach Ansicht von Experten um Jahrzehnte verzögern und deshalb deutlich teurer werden. Eine Arbeitsgruppe der Endlager-Suchkommission sagt nach einem Bericht der “Frankfurter Rundschau” in einem jetzt vorgelegten Papier voraus, dass das Projekt möglicherweise erst Mitte des nächsten Jahrhunderts abgeschlossen sein werde.

Demnach erwarten die Experten das Einbringen des letzten Atommüll-Behälters erst “zwischen 2075 und 2130” und den “Zustand eines verschlossenen Endlagerbergwerks zwischen 2095 und 2170 oder später”.

Der Kommissionsvorsitzende Michael Müller (SPD) sagte der Zeitung, die Kosten dafür könnten deshalb in den nächsten Jahrzehnten auf 50 bis 70 Milliarden Euro steigen. Die Rückstellungen der vier Stromkonzerne E.ON, RWE, EnBW und Vattenfall, die diese für Abriss der Atomkraftwerke, Zwischen- und Endlagerung gebildet haben, liegen derzeit bei etwas unter 40 Milliarden Euro. “Auf den Staat kommen erhebliche finanzielle Risiken zu, wie das auch die Untersuchungen des Bundeswirtschaftsministeriums zeigen”, meint Müller.

Gefahr in Zwischenlagern

Die Bundesregierung ist angesichts der wirtschaftlichen Schwierigkeiten der vier AKW-Betreiber in Sorge, dass die Verpflichtungen zum Kraftwerksabriss sowie zur Endlagerung des Mülls nicht mehr erfüllt werden könnten. Befeuert wurden die Bedenken durch die Aufspaltung des E.ON-Konzerns, der sich auf zukunftsträchtigere Geschäftsfelder wie erneuerbare Energien konzentrieren will. So kam die Frage auf, was bei einer Pleite einer Betreibergesellschaft der Kraftwerke mit den Rückstellungen geschieht und wie man Risiken abwenden kann.

Auch ein deswegen von der Regierung in Auftrag gegebenes Gutachten sieht erhebliche Gefahren für den Steuerzahler und empfiehlt einen öffentlichen Fonds für den AKW-Abriss, in dem ein Teil oder die gesamten Rückstellungen fließen sollten. Zudem will das Wirtschaftsministerium die Jahresabschlüsse der AKW-Betreiber einem sogenannten Stresstest unterziehen, um zu sehen, ob die in den Bilanzen verankerten Rückstellungen auch verlässlich verfügbar sind.

Michael Sailer, Mitglied der Endlagersuchkommission, warnte in der “Frankfurter Rundschau” vor andauernder Übergangslösung: “Ohne zügige Abwicklung der Endlagersuche könnte Atommüll in einigen Zwischenlagern bis nach 2100 bleiben”, sagte er. Es bestehe die Gefahr, dass große Mengen Radioaktivität freigesetzt würden, da die oberirdischen Lager eher gefährdet seien als ein Endlager – etwa durch Krieg oder Terrorismus.

Atommüll ins Ausland?

“Die Zwischenlagerung als Quasi-Dauerzustand hinzunehmen, würde künftige Generationen unverantwortlich belasten”, mahnte Sailer, der auch Chef der Entsorgungskommission des Bundes ist.

Die 33-köpfige Kommission aus Politikern, Fachleuten und Vertretern der Zivilgesellschaft hatte im Mai 2014 die Arbeit aufgenommen. Sie soll bis 2016 die Kriterien der Suche erarbeiten. Bis 2031 soll ein Endlager gefunden sein. Grund sind die Zweifel an dem seit 1977 als einzige Option im Fokus stehenden Salzstock Gorleben.

Bisher haben sich nur Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg bereiterklärt, hochradioaktiven Atommüll zwischenzulagern – nötig ist mindestens ein drittes Land, das sich aber nicht findet. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) plant, die Behälter nun bundesweit unterzubringen. Zuletzt hatte ein Energiemanager aus Baden-Württemberg vorgeschlagen, ein Endlager für deutschen Atommüll im Ausland zu suchen.

 

boj/dpa/Reuters/AFP

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