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Herrschaft des Grauens – Belgier im Kongo

Auf der Jagd nach dem großen Geld raffte der belgische König Leopold II. 1885 das gesamte Kongo-Gebiet an sich. Kautschuk und Elfenbein lockten den gierigen Monarchen. Betreten hat er die Kolonie nie, umso brutaler knechtete er das Land. Die Gräueltaten seiner Söldner sind bis heute unvergessen. Von Marc von Lüpke

Leopold II. war ein Besessener. 1885 schrieb der belgische König Brief um Brief und pumpte darin die halbe Welt um Geld an. Der Monarch schlug sich die Nächte um die Ohren und magerte stark ab. Dann kamen wieder Phasen der Völlerei. Zwei Fasane hintereinander verspeiste Leopold einmal in einem teuren Pariser Restaurant.

Der Grund für die seelische Unausgeglichenheit des Königs hatte einen Namen: Kongo. Seit 1885 war Leopold II. der größte Landbesitzer der Welt. Das Gebiet, das heute unter dem Namen Demokratische Republik Kongo bekannt ist, war sein Privatbesitz. “Leopold, du ruinierst uns noch mit deinem Kongo!”, soll die Königin gewettert haben, als der König immer mehr Geld in die Kolonie steckte. 

Eigentlich hätte Leopold sein Leben ohne die geringsten Geldsorgen verbringen können. Am 9. April 1835 als Sohn des belgischen Königs Leopold I. geboren, war er als Thronfolger auserkoren. Sein königlicher Vater machte sich allerdings keine Illusionen über den Charakter seines Sprösslings: “Leopold ist raffiniert und durchtrieben.” Das zahlte sich immerhin aus: Leopold spekulierte im großen Stil mit Anteilen am Suez-Kanal und machte ein Vermögen. 1865 schließlich schlug seine große Stunde. Er wurde zum König von Belgien gekrönt.

“Kleines Land, kleine Leute”

Von seinem Königreich selbst hielt er allerdings wenig. “Kleines Land, kleine Leute”, äußerte er sich einmal verächtlich über Belgien. Der schlaksig wirkende König, dem die Uniform stets zu groß zu sein schien, hegte aber große Pläne. Ein gewaltiges belgisches Kolonialreich wollte er errichten. Die Fidschi-Inseln im Pazifik wollte er einmal erwerben, dann wieder Seen in Ägypten trockenlegen und in Kolonien umwandeln.

Weiße Flecken waren auf der Karte Afrikas selten geworden am Ende des 19. Jahrhunderts. Lediglich in der Mitte des Kontinents gab es noch Landflächen zu verteilen. Bislang hatte sich keine Kolonialmacht an das unzugängliche Gebiet um den mächtigen Strom Kongo herangetraut. Leopold II. heuerte 1879 dennoch den britisch-amerikanischen Abenteurer Henry Morton Stanley an, um das Kongogebiet genauer zu erforschen und Stützpunkte für Leopold in Besitz zu nehmen.
Mit den übrigen europäischen Kolonialmächten werde er schon ins Reine kommen, beruhigte der belgische König Stanley. Der machte sich auch gleich ans Werk, um die 450 Verträge handelte er mit Häuptlingen entlang des Kongo-Stroms aus. Und haute sie dabei kräftig übers Ohr: Für billigen Schnaps und Perlen verkauften sie ihr Land an den belgischen König. Was sie nicht wussten: Auch ihre Arbeitskraft verkauften sie an Leopold II.

Freigegeben zur Plünderung

Der belgische König spielte sich unterdessen vor den europäischen Nationen als Philanthrop auf. Den Bewohnern der Kongo-Region wollte er Frieden und Wohlstand bringen, sagte er – und versprach, den immer noch grassierenden Sklavenhandel zu bekämpfen, das Christentum zu verbreiten und das gesamte Land in eine Freihandelszone zu verwandeln. Sein verlogenes Schauspiel hatte Erfolg, 1885 übertrug ihm die in Berlin tagende “Kongo-Konferenz” aus 14 Staaten das gesamte Gebiet als Privatbesitz – ein Gebiet, das mehr als 80-mal größer war als Belgien. Hier wollte Leopold II. nun zum ersten Mal ungestört herrschen.

Nachdem es Leopold II., aller anfänglichen Verzweiflung zum Trotz, schließlich doch gelungen war, Geldquellen aufzutun, machte er sich an die Erschließung des Kongo. Städte wurden aus dem Boden gestampft, darunter Léopoldville, das heutige Kinshasa, Straßen angelegt und Eisenbahntrassen aufgebaut. Vor allem heuerte Leopold II. aber Söldnertruppen an, die Force publique. Er wollte die Region wirtschaftlich ausplündern.

Der belgische Richter Stanislas Lefranc sah um 1900 mit eigenen Augen, was Leopolds Vertreter im Kongo anrichteten. Lefranc war Zeuge einer Bestrafungsaktion, bei der “ungefähr 30 Bälger, von denen etliche erst sieben oder acht Jahre alt waren, aufgereiht und darauf wartend, dass die Reihe an sie käme, die, zu Tode erschrocken, mit ansahen, wie ihre Kameraden ausgepeitscht wurden. 25-mal sauste die Peitsche auf jedes Kind nieder.”

Regieren mit der Peitsche

Das Vergehen der Kinder: Sie hatten in der Gegenwart eines Weißen gelacht. Eigentlich war jedes Kind zu 50 Peitschenhieben verurteilte worden. LeFranc setzte durch, dass die Strafe auf 25 reduziert wurde, was ihm später Ärger mit dem Gouverneur der Kolonie einbrachte.

Die Peitsche, mit der die Kinder “diszipliniert” wurden, war für die Einheimischen ein Symbol der weißen Unterdrückung. Sie nannte sich “Chicotte”, bestehend aus ungegerbter, sonnengetrockneter Nilpferdhaut, die in lange und äußerst scharfkantige Streifen geschnitten wurde. Damit wurde auf das blanke Hinterteil der Opfer eingeschlagen. Bei 25 Schlägen fielen die meisten in die Bewusstlosigkeit, bei 100 oder mehr trat der Tod ein. Hundertausende Male kam die “Chicotte” zum Einsatz. Lefranc war einer der wenigen Europäer, die gegen die unmenschliche Politik im Kongo eintraten – die meisten schwiegen oder begrüßten gar die harte Hand des belgischen Königs.

Zunächst hatte es Leopold bei seinen Beutezügen auf das Elfenbein abgesehen. Über das Land verteilte Elfenbeinsammelstellen sorgten für den Abtransport des “Weißen Goldes” an die Küste und Europa. Für ein Taschengeld wurde den Einheimischen das Elfenbein abgekauft, wenn es ihnen nicht sogar mit Gewalt weggenommen wurde. 1888 erhöhte eine revolutionäre Erfindung den Wert seiner Kolonie. Der britische Tierarzt John Boyd Dunlop erfand den luftgefüllten Reifen – der weltweite Bedarf an Kautschuk explodierte. Und der Kongo konnte den Bedarf stillen.

Körbeweise abgeschlagene Hände

Leopolds Hilfstruppe, die Force publique, die sich vor allem aus schwarzen Söldnern zusammensetzte, terrorisierte fortan das Land auf der Suche nach Kautschuk. Sie überfiel Dörfer, entführte und vergewaltigte die Frauen, bis die Männer die geforderte Menge an Kautschuk beschafft hatten. Dörfer, die Widerstand leisteten, wurden ausgelöscht. Auch Firmen wie die Anglo-Belgian Rubber Company, denen Leopold Konzessionen verkauft hatte, setzten die Force publique auf ihren Kautschuk-Besitzungen hemmungslos ein – und diese tötete, vergewaltigte und verstümmelte.

Nachdem die Force publique ihren europäischen Offizieren bei jeder verschossenen Patrone nachweisen mussten, dass sie zur Tötung eines Menschen verwendet worden war, verfielen die Söldner auf eine besondere Taktik. Sie hackten den Erschossenen die Hände ab, um den Mord zu belegen. Da nun aber auch jede Kugel, die bei der Jagd verschossen worden war, mit einer Hand zu belegen war, fielen regelmäßig marodierende Söldner über Unschuldige her, um ihnen die Hände abzuschlagen. Körbeweise lieferte die Force publique bei den Europäern abgeschlagene linke und rechte Hände ab, von Männern, Frauen und Kindern. Manch europäischer Offizier lebte ebenfalls im Kongo seine Grausamkeit aus: Léon Rom “verzierte” zum Beispiel seinen Garten mit abgeschlagenen Köpfen.

Als Leopold II. vom Händeabschlagen im Kongo hörte, sagte er entsetzt: “Hände abhacken, das ist idiotisch!” Mitleid hatte er allerdings keines: “Ich würde eher alles Übrige abschneiden, aber doch nicht die Hände. Genau die brauche ich doch im Kongo!” Die mittlerweile gigantischen Gewinne aus dem Kautschuk-Handel verpulverte Leopold II. für seine Prachtbauten in Belgien.

Das Ende der Privatkolonie

Edmund Dene Morel war schließlich der Mann, der dem Treiben Leopolds und seiner Schergen ein Ende bereitete. Dem Reederei-Angestellten war aufgefallen, dass Schiffe aus Europa Richtung Kongo ausschließlich Waffen und Patronen geladen hatten. Er forschte nach und stieß auf das furchtbare Geheimnis. Fotos der Verstümmelten im Kongo tauchten bald in Europa auf, Zeitungen berichteten, und die britische und die belgische Regierung entsandten Kommissionen in den Kongo. Auch Schriftsteller-Größen wie Mark Twain und Joseph Conrad, dessen schauriges Buch “Herz der Finsternis” auf seinen Erfahrungen während einer Reise in Leopolds Kongo-Reich basiert, bezogen Stellung gegen den Monarchen.

1908 musste Leopold den Kongo, den er niemals betreten hat, an die belgische Regierung verkaufen. Bis heute ist unklar, wie viele Menschen seiner Herrschaft zum Opfer fielen. Zwischen fünf und 15 Millionen, vermuten Wissenschaftler. Die letzten Worte von Joseph Conrads “Herz der Finsternis” fassen dieses Kapitel der Kolonialgeschichte gut zusammen: “Das Grauen! Das Grauen!”

Zum Weiterlesen:

Adam Hochschild: “Schatten über dem Kongo”. Rowohlt Verlag, Hamburg 2002, 544 Seiten.

Quelle: SPIEGEL ONLINE eines tages vom 15.09.2013




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