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Flexibel, mobil, entwurzelt?

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von Katja Ammon

 

Flexibilität und Mobilität gehören heutzutage mit zu den wichtigsten Eigenschaften, über die der berufstätige moderne Mensch verfügen soll. In so ziemlich jeder Stellenanzeige, vielleicht mal abgesehen von Berufen wie Biolandwirt (m/w) oder Bestatter (m/w), tauchen diese beiden Begriffe auf, und bereits in der Schule und an der Uni wird uns gebetsmühlenhaft eingehämmert, wenn wir nur flexibel und mobil genug sind, wird alles gut und es kann uns nix passieren. Doch was bedeuten diese beiden scheinbaren Garanten für beruflichen Erfolg für unser Leben?

 

Früher spielte sich das Leben der Menschen in engen, starren, vorgegebenen Bahnen ab. Junge Männer ergriffen den Beruf des Vaters. Junge Frauen heirateten ja sowieso und es erwartete sie ein Leben zwischen Kindern, Küche und Kirche. Einzige echte Alternative für Frauen war das Kloster. Für die meisten Menschen klingen diese Lebensperspektiven nicht sehr verlockend und so erkämpften sich die Menschen der Industrienationen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Freiheiten wie die freie Berufswahl und mit steigendem Wohlstand und zunehmender Motorisierung wurden die Menschen auch mobiler. Was früher eine Tagesreise war, konnte nun in etwa einer Stunde bewältigt werden. Früher dauerte eine Reise beispielsweise nach Australien Monate, heute braucht man dafür gerade mal einen Tag.

Doch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und nach dem Untergang des Kommunismus bekam die schöne neue freie Welt erste Kratzer. Nachdem sich die erste Euphorie gelegt hatte, wurde klar, dass skrupellose Glücksritter und mafiöse Organisationen im alten Ostblock das Machtvakuum in atemberaubender Geschwindigkeit gefüllt hatten. In China verpasste sich der alte kommunistische Machtapparat eine kapitalistische Verjüngungskur. Waren und zum Teil auch Dienstleistungen wurden in Osteuropa und Asien nun zu Dumpingpreisen angeboten. Den Menschen in den Industrieländern, die sich bis dahin gute Arbeitsbedingungen und Löhne erkämpft hatten, wurde eingehämmert, sie müssten nun mit den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern weltweit konkurrieren und leider, leider Verzicht üben, länger bzw. zu allen möglichen und unmöglichen Tageszeiten arbeiten und dabei auch noch weniger verdienen. Hatte man sich bis zu diesem Zeitpunkt für eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten und –bedingungen eingesetzt, um den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern mehr Selbstbestimmung und Freiheit zu ermöglichen, so verkehrte sich die Flexibilisierung nun um in ihr Gegenteil. Berufstätige hatten jetzt rund um die Uhr auf Abruf bereit zu stehen und gefälligst dann zu arbeiten, wann man es von ihnen verlangte. Schließlich musste der Standort Deutschland erhalten bleiben. Die Erhaltung des Standorts Deutschland erforderte auch eine Flexibilisierung bezüglich der Löhne. Ein Niedriglohnsektor musste her. Außerdem nahm die Anzahl befristeter Arbeitsverträge immer weiter zu. Dies bedeutete ein zusätzliches Drohpotential, denn wer nicht spurt, der bekommt keine Verlängerung des Arbeitsvertrags.

All diese Faktoren haben natürlich gravierende Folgen für das Zusammenleben der Menschen. Wenn in einer Familie oder einem Freundeskreis alle Mitglieder zu unterschiedlichen Zeiten arbeiten, wird man kaum Zeit für gemeinsame Unternehmungen finden. Durch zunehmende Wochenendarbeit bleibt häufig keine Zeit, um am Samstagabend gemeinsam wegzugehen oder am Sonntag einen kleinen Ausflug zu unternehmen. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die ständig damit rechnen müssen, kurzfristig einspringen und damit auf Abruf bereit stehen zu müssen, werden es wahrscheinlich nicht wagen, sich weiter von ihrem Wohnort zu entfernen, um stets innerhalb von ein bis zwei Stunden am Arbeitsplatz antanzen zu können. Wer keine oder nur wenige Alternativen hat und es aufgrund schlechter Bezahlung nicht schafft, Rücklagen zu bilden, kann es sich nicht leisten, zu oft nein zu sagen, schon gar nicht, wenn der Arbeitsvertrag befristet ist. So fällt es zunehmend schwer, stabile Beziehungen in der Familie und im Freundeskreis aufrecht zu erhalten, außerdem wird der persönliche Aktionsradius immer kleiner. Befristete Verträge machen es jungen Menschen obendrein schwer bis nahezu unmöglich, eine Familie zu gründen. Junge, gut ausgebildete Frauen fassen beruflich oft erst mit Mitte oder Ende dreißig so richtig Fuß. Die Zeit, die dann noch zum Kinder kriegen bleibt, wird knapp. Außerdem wollen nicht wenige Frauen die gerade erst mühsam gewonnene Festanstellung nicht für Nachwuchs gleich wieder aufs Spiel setzen. Da braucht sich niemand zu wundern, dass immer weniger Kinder zur Welt kommen. Statt über die angebliche demografische Katastrophe zu schwadronieren, sollte die Politik besser dafür sorgen, prekäre Beschäftigungsverhältnisse zurück zu drängen und jungen Menschen langfristige Perspektiven, sowie eine echte Vereinbarkeit zwischen Familie und Beruf zu ermöglichen.

 

Genau wie die Flexibilität bietet auch die ständig geforderte Mobilität nur auf den ersten Blick gewisse Vorteile. Kamen viele Menschen früher oft höchstens bis zu den Nachbardörfern oder gerade mal in die nächste Stadt, so ist heute jedes Ziel auf der ganzen Welt innerhalb kurzer Zeit und relativ preiswert erreichbar. Die Menschen können reisen, ihren Horizont erweitern, andere Kulturen kennenlernen. Das klingt positiv und ist es auch, so lange die Menschen selbst entscheiden können, ob sie ihren Herkunftsort verlassen möchten und wenn ja, für wie lange Zeit sie wohin gehen wollen. Ein Auslandssemester kann durchaus bereichernd sein, aber nur dann, wenn Studierende dies aus freien Stücken wollen und ein Land wählen, welches sie auch persönlich interessiert. Wer einen Auslandsaufenthalt nur deshalb macht, um seinen Lebenslauf aufzuhübschen, ein Land nur deshalb wählt, weil es prestigeträchtig erscheint oder die Zeit im Ausland so mit Arbeit oder Lernen vollstopft, dass er vom Leben in dem betreffenden Land nichts mitkriegt, der wird nicht viel davon haben. Ähnliches gilt für Auslandspraktika. Business- und Bankenviertel in den großen Metropolen sehen sich doch erschreckend ähnlich und junge Menschen, die ein Praktikum nach dem anderen in den Businesstowern dieser Wirtschafts- und Finanzzentren absolvieren, werden von der landschaftlichen und kulturellen Vielfalt dieser Welt nicht allzu viel sehen. Nach dem Abschluss von Ausbildung und Studium geht es dann weiter mit der Mobilität. Man müsse eben der Arbeit hinterher ziehen und dürfe auch keine Angst vor dem Umzug haben, wird einem ständig eingetrichtert. Für persönliche Vorlieben und Abneigungen bleibt da kein Platz. Bedenklich, wenn man dann alle zwei, drei Jahre den Wohnort wechseln muss, immer dann, wenn man gerade neue Freunde gefunden hat. Stabile Freundschaften aufrecht zu erhalten wird schwierig, E-Mails und virtuelle soziale Netzwerke sind nur ein sehr oberflächlicher Ersatz für den persönlichen Kontakt. Noch schwieriger wird es, wenn man in einer Partnerschaft oder gar einer Familie leben will. Entweder einer der Partner gibt alle eigenen beruflichen Ambitionen auf oder man hetzt quer durch die Weltgeschichte, um sich schlimmstenfalls alle paar Wochen oder gar Monate für wenige Tage zu sehen. Ganz schlimm wird so ein Nomadenleben für Kinder. Sie werden nicht gefragt, wenn sie immer, sobald sie einmal Wurzeln geschlagen und Freunde gefunden haben, aus ihrem Umfeld gerissen werden oder sie ein Elternteil nur alle paar Wochen einmal für kurze Zeit sehen können. Ein stabiles Umfeld und stabile Bindungen sehen anders aus.

 

Menschen, die kein stabiles Umfeld besitzen und keine verlässlichen Bindungen zu Freunden und Familie aufrechterhalten können vereinzeln zunehmend und drohen zu vereinsamen. Außerdem findet eine schleichende Entsolidarisierung der Gesellschaft statt. Entwurzelte Jobnomaden, die sich alle zwei, drei Jahre –oder gar in noch kürzeren Abständen in ein völlig neues Arbeitsumfeld eingewöhnen müssen, neigen häufiger zu Einzelkämpfertum und weniger dazu, mit Kolleginnen und Kollegen ein starke Gemeinschaft zu bilden. Auf den ersten Blick mag dies für die Arbeitgeberseite einen bedeutenden Vorteil darstellen, haben vereinzelte und entwurzelte Einzelkämpferinnen und Einzelkämpfer doch eine deutlich schwächere Verhandlungsposition, von einigen Elitenomaden mal abgesehen. Doch auf den zweiten Blick entstehen auch für die Unternehmen entscheidende Nachteile. Entwurzelte, zum Teil unglückliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die unsichere Zukunftsperspektiven haben, werden auf Dauer weniger Leistung bringen als zufriedene Menschen, die sich sicher und geborgen fühlen. Auch die Kosten für zunehmende psychische und psychosomatische Erkrankungen sind in den letzten Jahren massiv angestiegen. Neben dem Anstieg von Burnout- Erkrankungen kann man auch beobachten, dass Menschen verstärkt nach einer Heimat suchen. Dies kann sich ganz harmlos auswirken in der Hinwendung zu regionalen Traditionen und Produkten, wie die neu entdeckte Liebe zur bayerischen Tracht oder zum fränkischen Bier. Aber die Suche nach Heimat kann auch fatale Folgen haben. Menschen, auf der Suche nach Heimat, Sicherheit, Orientierung und Anerkennung zeigen oft eine vermehrte Empfänglichkeit für esoterischen Hokuspokus, die Lehren zweifelhafter bis gefährlicher Religionsgemeinschaften oder politisch extremistische Gemeinschaften. Esoterikmessen, Scientologen, Salafisten, Evangelikale, sowie rechts- und linksextreme Gruppierungen finden regen Zulauf. In manchen Gegenden sind Salafisten, Evangelikale oder Rechtsradikale die einzigen, welche sich um entwurzelte, hauptsächlich männliche Jugendliche kümmern. Diese Gruppierungen geben zunächst Orientierung, Zuwendung und Anerkennung. Abstiegsbedrohte Angehörige der Mittelschicht –etwas mehr Frauen als Männer- mittleren Alters suchen ihr Heil eher bei Heilpraktikerinnen, Gurus, Quacksalbern und obskuren Quellen ominöser Energien und Schwingungen. Mit esoterischer Hilfe, so hoffen sie, sind sie den Herausforderungen eines schrankenlosen Kapitalismus gewachsen, der von ihnen grenzenlose Flexibilität und Mobilität abverlangt. Im Gegensatz dazu wollen Rechtsradikale und Islamisten, die auch sonst relativ viele Gemeinsamkeiten aufweisen, das Individuum nicht fit für den Kapitalismus machen, sondern Wut und Frust der Menschen auf Minderheiten lenken, die anständigen Deutschen bzw. ehrenhaften Muslimen Arbeitsplätze, Frauen etc. wegnehmen.

 

Im Schnitt machen erzwungene Mobilität und Flexibilität die Menschen nicht frei, weltoffen und glücklich, sondern eher ängstlich, engstirnig und unglücklich. Darum bleibt nur, sich vehement dafür einzusetzen dass Flexibilität und Mobilität wieder im Sinne von Selbstbestimmung und echter Freiheit verstanden werden. Die Wahl zwischen Pest, Cholera und vielleicht noch Typhus wird jedenfalls von den meisten Menschen völlig zu recht nicht als Freiheit verstanden. Die Menschen sind nicht dumm und wenn sie sich extremen politischen oder religiösen Gruppierungen verstärkt zuwenden, ist dies hauptsächlich ein Zeichen dafür, dass der Mainstream deutliche Zeichen von Verantwortungslosigkeit und Verwahrlosung aufweist. Ansonsten wären bärtige Zausel, welche predigen, dass Lebensfreude erst im Paradies möglich sei und man auf dem Weg dorthin womöglich auch über Leichen gehen müsse, oder rechtsradikale Spinner mit obskuren und völlig unsinnigen Rassetheorien wohl ziemlich unattraktiv.