Home Bürgerbriefe Der “richtige” Weg zur Energiewende?

Der “richtige” Weg zur Energiewende?

LED für den besten und schnellsten Weg zur Energiewende

Johann Hartl Bisamstraße 13  84030 Ergolding   johann-hartl@gmx.de

Stellungnahme zum Interview zur Energiewende mit Prof.Dr. Michael  Sterner

In vielen Punkten ist den Ausführungen von Prof. Sterner zuzustimmen  aber einige Aussagen sind kritisch zu sehen.

Mit keinem Wort ist die Primärlösung zur Energiewende, die Verbesserung der Energieeffizienz erwähnt.

„Bilanzielle“ Anteile zur Stromverbrauchserzeugung am Beispiel Windenergie nützen uns  nichts. Entscheidend ist bei der Stromerzeugung die bedarfsabhängige Strombereitstellung. Dies gilt für die Windenergie als auch für die solare Stromerzeugung. Strom, der nicht bedarfsgerecht erzeugt  und verbraucht werden kann,  ist wertlos oder hat sogar einen negativen Wert!

Bei  „richtiger Umsetzung ist die Energiewende (Ausstieg aus der Kernenergienutzung) kein Problem“. Leider wird sie bei Beachtung des realistischen  Potenzials der erneuerbaren Energien  im energiewirtschaftlichen, volkswirtschaftlichen  und ökologischen  Rahmen ein großes Problem bleiben. Einen wesentlichen Anteil zur Stromerzeugung, Wärmeversorgung und Kraftstoffversorgung können die erneuerbaren Energien nur bei einer extremen Minderung des Energieverbrauchs bringen, die leider im erforderlichen Maße nicht in den nächsten zwei Jahrzehnten  praktikabel durchsetzbar sein dürfte.  Seine Befürwortung für ein Gaskraftwerk in Pleinting halte ich für richtig. Die Energiewende kann nicht mit einem  krampfhaften  Ersatz der Kernenergie und fossilen Energieträger durch erneuerbare Energien in der Praxis funktionieren.  Seine Ansichten für den erforderlichen Netzausbau  ins besonders  des Nord-Süd-Verbundes sind zutreffend. Verlustarme HGÜ-Leitungen sind hierfür die richtige Technik.

Zum Potenzial Bioenergie sollte sich Herr Prof. Sterner neben  den Verhältnissen im Landkreis Passau  an der bundesweiten Situation orientieren.  Dabei  kann auch bei einer Verminderung des gesamten Wärmeverbrauchs um z.B. 30 % nur ein kleiner Teil mit Bioenergieträgern gedeckt werden und zusätzlich soll richtigerweise auch noch Strom erzeugt werden. Sinnvoll ist es allerdings schon die örtlich gegebenen Möglichkeiten zu nutzen, wie sie  im Landkreis Passau mit vielen Wäldern gegeben sind.

Zur Energiespeichermethode „power to  gas“ hat er das Problem der hohen Kosten  angesprochen aber nicht die sehr hohen Energieverluste erwähnt. Es scheint  naheliegend zu sein,  Überschuss-Strom aus Windkraft und Photovoltaik besser mit schlechtem Wirkungsgrad zu nutzen als gar nicht. Aber  es gibt keinen Sinn für den damit wiedergewinnbaren Strom jeden Aufwand und  Preis zu akzeptieren. Die Energiewende muss schließlich bezahlbar sein. Es ist daher wichtig den Ausbau der Windenergie und besonders der Solarstromerzeugung auf das energiewirtschaftlich sinnvolle Maß zu begrenzen. In diesem Rahmen kann noch eine relativ „kostengünstige“ Wasserstofferzeugung einen gewissen Sinn ergeben.

Herr Sterner hat laut anderer Veröffentlichungen erkannt, dass die Photovoltaik der größte Preistreiber der Energiewende, bei geringer Wirkung ist. Und im „Fahrplan Energiewende“ von Dr. Pehnt und Prof.Dr. Sterner wurden auch die Energiesparmöglichkeiten behandelt.

Wichtig ist, dass Berater der Bundesregierung nicht nur die theoretischen Möglichkeiten aufzeigen sondern besonders auch die Praktikabilität und Wirkung im energiewirtschaftlichen, volkswirt-schaftlichen  und ökologischen Rahmen  beachten und darstellen. Dies gilt natürlich besonders auch für das „Bayerische Energiekonzept“,  das mehr als unbefriedigend ist.

Ich bin selbst ein Befürworter der Energiewende, aber nur wenn die praktikablen Grenzen der Möglichkeiten der erneuerbaren Energien beachtet werden und volkswirtschaftliche, ökologische  und soziale Gesichtspunkte berücksichtigt werden und wenn die primäre Chance der Energieeffizienzverbesserung massiv genutzt wird.

Unter dem nicht klar definierten Begriff Energiewende verstehe ich jedenfalls nicht den  krampfhaften Ersatz von fossilen Energieträgern und Kernenergie durch erneuerbare Energien um jeden Preis sondern die deutliche  ökologische und volkswirtschaftliche  Verbesserung der jetzigen Situation bei Inkaufnahme des Verzichts auf die Kernenergie.

 

Passau. Ob für Handwerk, Privatpersonen oder forschende Unternehmen: Die Energiewende sorgt nach Meinung von Prof. Michael Sterner schon jetzt gerade in Niederbayern für einen Wachstumsschub. Und wie der aus Aicha vorm Wald stammende Energieexperte, der an der Hochschule Regensburg in den Bereichen Energiespeicher, Energiewirtschaft und Solarenergie forscht, meint, schlummert in der Region noch weiteres Potenzial.

Herr Prof. Sterner. Sehen Sie Deutschland in Sachen Energiewende im Zeitplan?
Prof. Michael Sterner: Definitiv. Wir sind in Sachen Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien viel schneller vorangekommen, als geplant. Das 35-Prozent-Ziel werden wir vor 2020 erreichen, in Bayern sowieso. Ich erinnere an Zeitungsanzeigen der Energieversorger in den 90ern, in denen behauptet wurde, dass Deutschland auch langfristig keinen Anteil der erneuerbaren Energie an der Gesamtstromversorgung höher als vier Prozent schaffen wird. Die Energieversorger haben unser Ingenieursland unterschätzt. In der Wärmewende und der Mobilitätswende sind wir aber noch nicht soweit.

Einer IHK-Studie zufolge herrscht bei vielen ostbayerischen Firmen wegen steigender Strompreise Skepsis hinsichtlich des Gelingens der Energiewende. Ist das nachvollziehbar?
Sterner: Nur bedingt. Ich sehe vielmehr die Chancen. Wenn die Wirtschaft diese umsetzt, ist der Nutzen größer als der vermeintliche Schaden.

Wo liegen denn die Chancen Ostbayerns bei der Energiewende?
Sterner: Die heimische Wirtschaft profitiert schon jetzt enorm davon. Denken Sie an das Handwerk, das sich mit Solarenergie oder Energieeffizienz beschäftigt, oder an die Betriebe wie ZF oder Loher, die Komponenten etwa für Windkraftanlagen zuliefern. Die Aufträge, die sich aus der Energiewende ergeben, haben vielen Betrieben auch über die Krise geholfen − und schaffen aktuell Wachstum; die Energiewende ist ein Wachstumsprogramm vom Ausmaß der deutschen Wende 1989/90.

Sehen Sie weiteres Potenzial?
Sterner: Unsere Region ist mit Sonne, Holz und ehrlichen, fleißigen Leuten reich gesegnet. Potenziale haben wir noch überall, auch beim Wind. Wenn wir nur zwei Prozent der bayerischen Landesfläche für Windkraftanlagen nutzen, können wir bilanziell den bayerischen Strombedarf decken. Wenn die Stromwende richtig umgesetzt wird, haben wir mit dem Abschalten der Atomkraftwerke kein Problem. Ein weiterer wichtiger Bereich für die Zukunft ist die Stromspeicherung. Und auch das ist eine Chance für die Region. Hier wird etwa am Energiezentrum in Ruhstorf an Batteriespeichern geforscht, an dem sich u.a. auch die Firma Younicos engagiert. Batterien werden neben der dezentralen Elektromobilität für die zentrale Stabilisierung der Stromversorgung sehr wichtig werden.

Sie sprechen von notwendigen Stromspeichern. Wie stehen Sie zum geplanten Pumpspeicherwerk Riedl?
Sterner: Riedl kann energiewirtschaftlich ein Segen für die Region sein, wenn der für das Hochpumpen des Wassers verwendete Strom aus erneuerbaren Energien aus der Region kommt. Dann dient Riedl als lokaler Speicher, sichert uns die Stromversorgung und ist damit leichter akzeptiert. Generell sollte Strom nur bei Überschüssen gespeichert werden. Da das schwer umzusetzen ist, wäre es besser, wenn Riedl nur dann “speichert”, wenn die Sonne scheint, oder die Wasserkraft nicht sinnvoll verkauft werden kann. Rein am Strommarkt betrieben, sorgt der Pumpspeicher bei gut ausgebautem Netz für zusätzliche Klimagase, weil er Braunkohlekraftwerke länger und Gaskraftwerke kürzer laufen lässt. Dabei brauchen wir neue Gaskraftwerke dringend, weil sie sehr gut auch längere Stromlücken füllen, und auch mit Wind-, Solar- oder Biogas betrieben werden können. Für so ein Gaskraftwerk wäre Pleinting als Standort ideal: Kraftwerkstechnik, Stromtrassen und die Gasleitung in der Nähe sind ja vorhanden.

Was bedeutet das für die Regionalpolitik?
Sterner: Mit Technik kann man vieles anfangen. Entscheidend ist, dass die Politik die richtigen Weichen stellt: Ich war vor einiger Zeit beim Passauer Landrat Franz Meyer. Ich habe ihn bestärkt, aus Pleinting was zu machen, und im Dialog mit Bürgern und Betreibern Riedl nachhaltig umzusetzen.

Sie forschen zu Energiespeichern und sind einer der Erfinder der Speichertechnologie “Power-to-Gas”. Um was geht es dabei?
Sterner: Power-to-Gas ist eine Speicherlösung für lange Stromflauten und eine große Lösung für die Mobilität: Ich kann aus Wind, Solar, Wasser und CO2 einen Kraftstoff herstellen, der konventionelle Autos antreiben kann. Mit meinem “Windgas” kann ich Energie- und Landwirtschaft kombinieren: eine Windkraftanlage nimmt anders als bei Biokraftstoffen kein Getreidefeld weg. Ich habe nahezu keine Konkurrenz zu Nahrungsmitteln, und mit dem Fahrzeug eine uneingeschränkte Reichweite. Nicht umsonst haben wir Audi dafür begeistern können. Einziger Haken: die junge Technologie kostet noch sehr viel Geld.

Gerade in Ostbayern gibt es besonders viel Wald. Wie könnte man dies besser netzen?
Sterner: Die Experten vom Straubinger Zentrum für nachwachsende Rohstoffe sagen uns schon lange, dass wir noch sehr große Potenziale im Wald haben. Der Wald ist der größte Energiespeicher Bayerns. Allein im Landkreis Passau speichert der Wald im Jahr ein Energieäquivalent von 100 Millionen Liter Heizöl, in dem er Solarenergie in Holz umwandelt. Beim heutigen Heizölpreis wären das 90 Millionen Euro. Damit ließen sich 50 000 Haushalte mit Wärme versorgen. Das ist der größte Energiespeicher, den wir im Landkreis haben − und er ist in der Bevölkerung voll akzeptiert. Verglichen mit einem Pumpspeicherwerk Riedl speichert uns der Wald jedes Jahr 280 Mal so viel Energie ein. Es gibt noch viele Haushalte, die mit Erdöl heizen anstatt es in klimaneutrale Heizenergie, also in Holz, vor Ort zu investieren und damit das Geld in der Region arbeiten zu lassen. Durch einen gesunden Wald kann das Potenzial noch deutlich gesteigert werden. Leider haben wir vielerorts kaum eine gesunde Naturverjüngung, weshalb ich unseren Landrat aufgefordert habe, die bestehenden Missstände zu beseitigen, um das gesetzlich vorgeschriebene ausgewogene Verhältnis zwischen Wald und Wild wieder herzustellen. Er sollte dem Wald als Identitätsstifter, Erholungsraum und Energielieferant eine größere Rolle beimessen.

E.ON und Tennet betonen die Notwendigkeit des Milliarden Euro teuren Netzausbaus. Ist der wirklich alternativlos?
Sterner: Technisch gesehen brauchen wir für eine stabile Stromversorgung eine Ergänzung zu Wind und Solar, die alleine die Stromwende nicht stemmen können. Dazu gehören auch neue Überlandleitungen von Nord nach Süd. Wir brauchen alle Flexibilitäten im System: Netze, Speicher, flexible Kraftwerke, flexible Verbraucher – zentral und dezentral. Damit die Kosten nicht ausufern, sollten wir nach der Reihe die günstigsten Optionen umsetzen. An erster Stelle steht der Netzaus- und -umbau. Im Übertragungsnetz brauchen wir dringend die Thüringer Trasse, um das AKW Grafenrheinfeld Ende 2014 abschalten zu können. Im Verteilnetz muss ich vielerorts keine Straßen aufreißen. Es genügt, den Trafo zu tauschen. Technisch-wirtschaftlich sind die Netze klar Vorreiter, aber die gesellschaftliche Dimension ist schwierig. Eine finanzielle Bürgerbeteiligung kann hier helfen. Das ist bei Speichern und flexiblen Kraftwerken wie Gaskraftwerken leichter, aber kostspieliger. Eine Ideallösung gibt es also nicht.

Könnten nicht mit einer intelligenten Stromsteuerung viele neue Leitungen überflüssig gemacht werden?
Sterner: Wirtschaftlich gesehen brauchen wir ein neues Strommarktdesign, in dem Wind und Solar differenziert vergütet werden, und sich auch die Flexibilitäten rechnen, damit wir die Stromversorgung “wetterfest” machen können. Dazu habe ich letzte Woche in meiner Eigenschaft als Regierungsberater in Sachen Energie Bundesumweltminister Altmaier persönlich konkrete Vorschläge gemacht.

Könnten Sie ganz kurz die wichtigsten Punkte nennen?
Sterner. Es ging um die Verknappung der CO2-Verschmutzungsrechte, damit die Finanzierung der Energiewende stehen bleibt, sich Gaskraftwerke und Speicher wieder rechnen und klimaschädliche Stromerzeugung wie Braunkohle langfristig nicht mehr lohnt. Zudem muss er EEG und Strommarkt zusammenbringen, wozu eine differenzierte Förderung und Marktintegration der erneuerbaren Energien notwendig wird.

Zentral, dezentral? Was sollte bei der Energiewende Vorrang haben?
Sterner: Wir brauchen beides, aber: Die Umsetzung vor Ort ist das Entscheidende, weil hier die Energiewende real wird! Im Haus hat jeder die Energiewende selbst in der Hand: über den einfachen und nicht teureren Bezug von Grünstrom, mit Investitionen in die energetische Sanierung − und mit einem generell effizienteren und bewussteren Umgang nicht nur mit Strom, sondern auch mit allen anderen Energien. Das betrifft auch den Verkehr: Zum Vortrag am Donnerstag komme ich per Zug.

Das Interview führte Alois Schießl