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Cohn-Bendit und der Kindersex

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SPIEGEL ONLINE

20. April 2013, 17:56 Uhr

Missbrauchsdebatte

Cohn-Bendit bedauert Äußerungen über Intimitäten mit Kindern

Auseinandersetzung unter parteipolitischen Vorzeichen: Bei der Verleihung des Theodor-Heuss-Preises in Stuttgart hat Daniel Cohn-Bendit jahrzehntealte Äußerungen über erotische Spiele mit Kindern bedauert. CDU und FDP boykottierten die Veranstaltung, draußen gab es zum Teil scharfe Proteste.

Hamburg/Stuttgart – Wie sehr hat das von manchen 68ern verfochtene Verständnis der sexuellen Befreiung auch im Kontakt mit Kindern dem Missbrauch Vorschub geleistet? Bei der Verleihung des Theodor-Heuss-Preises an Daniel Cohn-Bendit in Stuttgart wurde diese Debatte unter parteipolitischen Vorzeichen geführt.

In seiner von Protesten begleiteten Dankesrede im Stuttgarter Neuen Schloss distanzierte der Grünen-Politiker sich von seinen Aussagen in den siebziger und achtziger Jahren und betonte, er habe sich nie an Kindern vergriffen. “Kritisiert mich für das, was ich geschrieben habe – bis zu meinem Tod, aber jagt mich nicht für etwas, was ich nicht getan habe.” Seine damaligen Äußerungen – etwa über erotische Spiele mit Kindern – seien eine “unerträgliche Provokation” und hätten “so nicht geschrieben werden dürfen”. Er ordnete sie ein in den historischen Kontext der 68er Bewegung, die von Tabu-Brüchen geprägt gewesen sei.

Ausgelöst hatte die Debatte der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, der seine Festrede für Cohn-Bendit abgesagt hatte. Er wolle den Eindruck vermeiden, das Gericht billige Aussagen wie die von Cohn-Bendit.

In dem Buch “Le grand Bazard” (“Der große Basar”) von 1975 hatte Cohn-Bendit, zeitweilig Erzieher in einem alternativen Frankfurter Kindergarten, auch seine damaligen Intimitäten mit Kindern beschrieben. Dort heißt es wörtlich: “Mein ständiger Flirt mit allen Kindern nahm bald erotische Züge an. Ich konnte richtig fühlen, wie die kleinen Mädchen von fünf Jahren schon gelernt hatten, mich anzumachen.” Cohn-Bendit stand wegen der Veröffentlichung wiederholt in der Kritik. In einem Interview mit dem SPIEGEL im April 2012 sagte Cohn-Bendit auf die Frage “Was waren die drei größten Dummheiten Ihres Lebens?”: “Es gibt einen unsinnigen Text von mir in dem Buch “Der große Basar” von 1975. Ich schrieb über meine Erfahrung als Erzieher in einem Frankfurter Kinderladen, und das Thema Sexualität der Kinder wollte ich nicht ausklammern.”

“Größe, einen Konkurenten zu ehren”

In seinem Grußwort warb Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) für Verzeihen, auch wenn die Äußerungen seines Parteifreundes “höchst prekär” und “unakzeptabel” seien: “Vergebung ist in der Demokratie elementar, es macht gerade ihre Stärke aus.” Sie biete die Chance, wieder neu anfangen zu können. Die Demokratie habe auch ihm persönlich nach “linksradikalen Verirrungen meiner Studentenzeit” die Chance auf einen Neuanfang gewährt.

Vertreter eines Opfer-Verbandes und die Junge Union (JU) kritisierten vor der Veranstaltung die Ehrung des 68-Jährigen. Mit “Schämt Euch”-Rufen empfingen etwa 70 Demonstranten die Gäste der Veranstaltung, die von der CDU und der FDP im Landtag boykottiert wurde. Der JU-Landeschef Nikolas Löbel sagte: “Die Preisverleihung ist eine Schande.”

Die CDU und die FDP im baden-württembergischen Landtag hatten die unabhängige Stiftung aufgefordert, in diesem Jahr die Ehrung abzusagen und an Kretschmann appelliert, auf das Grußwort zu verzichten. CDU-Fraktionschef Peter Hauk nahm ebenfalls an der Protestaktion teil. Die Veranstaltung leiste der Verharmlosung von Missbrauch Vorschub und verletzte die Opfer. Nicht nur die grün-rote Koalition im Südwesten wittert dahinter eine Kampagne, die aus wahltaktischen Gründen angezettelt wurde, um den populären grünen Landesvater zu diskreditieren. Der Laudator Cohn-Bendits, der frühere “Zeit”-Chef Roger de Weck, warnte vor Verleumdungen und davor, dass “Hass salonfähig” werde.

Ein anderes FDP-Mitglied, der frühere Bundesinnenminister Gerhart Baum war trotz des Boykotts liberaler Bundestags- und Landtagsabgeordneter zu der Preisverleihung gekommen: “Man muss die Größe haben, einen politischen Konkurrenten zu ehren.” Das Verhalten seiner Parteifreunde sei “Wahlkampf auf dem Rücken der Theodor-Heuss-Stiftung”. Der Protest draußen vor dem Schloss sei “unglaublich”.

Es hat eben nicht nur Daniel Cohn-Bendit aus den 68er-Jahren gelernt – das Vorgehen von CDU und FDP erinnert in manchem an die Protest- und Anklagekultur dieser Zeit. Nur die Vorzeichen haben sich geändert.

sha/dpa

Kretschmann will Pädophilie bei Grünen aufarbeiten

 

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann will Pädophilie bei Grünen aufarbeiten Foto: Flickr/Grüne BW

STUTTGART. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat sich für eine Aufarbeitung der Rolle von Pädophilie-Befürwortern in der Anfangszeit seiner Partei ausgesprochen. „Ich habe auf einer Landesvorstandssitzung vorgeschlagen, daß wir uns das mal überlegen sollten“, sagte Kretschmann nach einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dies sei dann sicher auch ein Thema, daß in der Bundespartei besprochen werden müsse.

Anlaß ist die Verleihung des Theodor-Heuss-Preises an den Grünen Europa-Abgeordneten Daniel Cohn-Bendit. Da Cohn-Bendit in den siebziger und achtziger Jahren als Befürworter von Pädophilie aufgetreten war, hatte es starke Kritik an der Preisverleihung gegeben. Der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, hatte es wegen Cohn-Bendits Äußerungen über Intimitäten mit Kindern abgelehnt, die Laudatio auf den Grünen-Politiker zu halten.

„Stadtindianer“ tyrannisierten Parteitage

Kretschmann äußerte sich am Dienstag kritisch zu den Pädophilie-Befürwortern in der Gründungszeit der Grünen. Parteitage seien damals von „Stadtindianern“ regelrecht tyrannisiert worden. „Meine Kinder waren damals im Kindergartenalter, ich habe höchst allergisch und außerordentlich ablehnend reagiert“, sagte der Grünen-Landeschef.

Eine entsprechende Untersuchung der eigenen Parteigeschichte sei aber nur sinnvoll, wenn es dazu auch ausreichend Quellen gebe. Dies sei in Baden-Württemberg möglicherweise nicht der Fall.

FAZ vom 24.04.2014