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“MAKE EUROPE GREAT AGAIN”: Josef Kraus bei seinem Referat zum Neujahrsempfang 2018 der CSU Landshut — Unmut richtet sich nicht gegen Europa sondern gegen die EU

EUROPA ZWISCHEN LEITKULTUR UND KULTUR LIGHT

 

Kreisvorsitzender Dr. Thomas Haslinger bedankt sich bei Josef Kraus (CSU-Mitglied) für sein Referat mit dem obligatorischen Buchskranzl

 

Autor und Bildungskritiker Josef Kraus, hatte 1969 am Willibald-Gymnasium in Eichstätt sein Abitur bestanden. Er wechselte nach einer zweijährigen Wehrdienst nach Würzburg. Dort studierte er von 1971 bis 1977 Deutsch und Sport für das Lehramt an Gymnasien; sein 2. Staatsexamen legte er in Ingolstadt ab. Ein Jahr darauf machte er ebenfalls in Würzburg sein Psychologie-Diplom. Ab 1980 unterrichtete er für 15 Jahre am Leinberger Gymnasium in Landshut und war als Schulpsychologe für den Regierungsbezirk zuständig. Ab Februar 1995 war er als Schulleiter am Maximilian-von-Montgelas-Gymnasium in Vilsbiburg bei Landshut tätig.

Josef Kraus bekleidete von 1979 bis 1987 verschiedene Vorstandsämter im Deutschen Philologenverband und war von 1987 bis Juni 2017 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL). Von 1991 bis 2014 war er Mitglied im Beirat für Fragen der Inneren Führung des Verteidigungsministers und von 1993 bis 1996 Beisitzer in der  Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien.

Im hessischen Landtagswahlkampf 1995 trat Kraus für den damaligen hessischen CDU-Spitzenkandidaten und ehemaligen Bundesinnenminister Manfred Kanther als dessen Schattenkultusminister auf.

Am 31. Juli 2015 trat Josef Kraus in den Ruhestand. Am 30. Juni 2017 endete seine Amtszeit als DL-Präsident.

 

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Referat:

 

„Make Europe Great Again!“ Warum nicht? Spätestens nach dem „Make America great again“ wäre das eine konsequente europäische Antwort. Denn „Europa“ steht in der Bevölkerung in keinem guten Ruf.

 

Das ist ungerecht, denn der Unmut der Menschen richtet sich eigentlich nicht gegen Europa, sondern gegen die EU mit

  • ihrem Zentralismus und Demokratiedefizit,
  • ihrem Haushalt von jährlich 150 Mrd. Euro,
  • ihrem Riesenapparat mit 55.000 Beamten.

Der Unmut richtet sich ferner gegen die Regelungswut der EU in Sachen Bananengröße, Gurkenkrümmung, Glühlampen, Grenzwerte für Presslufthämmer, Regeln für Zahnersatz …

Die EU leidet in der Wahrnehmung vieler Menschen also an einer Überdehnung. (Wie sie jetzt erneut ein Jean-Claude Junker und Emmanuel Macron im Auge haben: mit einem europäischen Finanzminister, einer ausgeweiteten EU und EURO-Zone …).

 

„Europa“ – was ist das?

Es ist kein geographischer Begriff mehr, wie er dies mit der erstmaligen Verwendung dieses Namens durch Herodot (484 bis 424 v. Chr.) war – damals als Bezeichnung für die Länder um das Mittelmeer.

Kulturell, ideell aber ist das, was man mit Europa verbindet, in gewissem Sinn global, wir finden es von den atlantischen Inseln bis nach Sibirien, von Australien bis Island und von Chile bis zu den Philippinen.

Europa kann auch keine bloße “Freihandelszone” sein. Eine überwiegende Ausrichtung der europäischen Frage auf das Währungs- und Wirtschaftspolitische ließe vergessen, dass Europa als Idee kulturstiftend wirkte.

Europa oder EU nur als Wirtschaftsorganisation, das wäre kaum etwas anderes als eine seit dem Wechsel zu Donald Trump für die USA verstärkt angesagte Politik, der es vor allem um „deals“ gehe.

Auch zu behaupten, wenn der Euro scheitere, dann scheitere Europa, ist eine völlig unhistorische Aussage.

Es sind andere Gründe, warum Europa mit seinen über zweieinhalb Jahrtausende gewachsenen Werten scheitert, wenn es denn scheitert.

Es geht um das ideelle Band. Dieses hatten die Begründer der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) im Auge. Für Konrad Adenauer, Alcide de Gasperi, Robert Schumann, Jean Monnet ging es um Europas Seele. Die vier fanden zueinander aufgrund ihrer gemeinsamen christlichen Überzeugungen und nicht zuletzt im Zeichen der Versöhnung nach dem 2. Weltkrieg. Dieser Anfangsenthusiasmus ist verblasst.

Adenauer, de Gasperi, Schumann und Monnet konnten freilich nicht ahnen, vor welchen Problemen Europa heute steht. Politisch stand damals die Bedrohung durch den Sowjetkommunismus im Vordergrund.

Um das westliche Europa dagegen standhaft zu machen, hat Adenauer viel bewegt. Man denke

  • an die Westbindung der Bundesrepublik,
  • an die ersten europäischen Vereinigungen: die Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS, Montanunion) 1950, die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) 1957 usw.

 

Und heute? Europa ist heute nicht bedroht durch einen Sowjetkommunismus. Europa ist vielmehr bedroht von innen:

  • von seinem Werterelativismus,
  • vom mangelnden Konsens im Umgang mit Migrationsbewegungen,
  • von seinen Selbstzweifeln,
  • vom Irrglauben, ein Bürokratiemonster könnte Identität vermitteln
  • um nur einige Beispiele zu nennen.

Nach Jahrhunderten der ideellen Europäisierung der Erde befinden wir uns jedenfalls inmitten einer Ent-Europäisierung Europas. Vergessen wir dabei aber bitte nicht: Ohne Europas Wertekosmos und seine Leitkultur gäbe es keine universell geltenden Bürger- und Menschenrechte.

Im übrigen hat die Ent-Europäisierung der Welt und auch Europas allein schon demographische Gründe: Um 1900 war rund ein Drittel der Weltbevölkerung europäischstämmig (rund 550 Millionen von 1,6 Milliarden). Heute beträgt deren Anteil an der Weltbevölkerung noch 12 Prozent, im Jahre 2050 wird er bei nur noch 6 Prozent liegen.

Auch zu behaupten, wenn der Euro scheitere, dann scheitere Europa, ist eine völlig unhistorische Aussage.

Es sind andere Gründe, warum Europa mit seinen über zweieinhalb Jahrtausende gewachsenen Werten scheitert, wenn es denn scheitert.

Es geht um das ideelle Band. Dieses hatten die Begründer der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) im Auge. Für Konrad Adenauer, Alcide de Gasperi, Robert Schumann, Jean Monnet ging es um Europas Seele. Die vier fanden zueinander aufgrund ihrer gemeinsamen christlichen Überzeugungen und nicht zuletzt im Zeichen der Versöhnung nach dem 2. Weltkrieg. Dieser Anfangsenthusiasmus ist verblasst.

 

Und heute? Europa ist heute nicht bedroht durch einen Sowjetkommunismus. Europa ist vielmehr bedroht von innen:

  • von seinem Werterelativismus,
  • vom mangelnden Konsens im Umgang mit Migrationsbewegungen,
  • von seinen Selbstzweifeln,
  • vom Irrglauben, ein Bürokratiemonster könnte Identität vermitteln
  • um nur einige Beispiele zu nennen.

Nach Jahrhunderten der ideellen Europäisierung der Erde befinden wir uns jedenfalls inmitten einer Ent-Europäisierung Europas. Vergessen wir dabei aber bitte nicht: Ohne Europas Wertekosmos und seine Leitkultur gäbe es keine universell geltenden Bürger- und Menschenrechte.

Im übrigen hat die Ent-Europäisierung der Welt und auch Europas allein schon demographische Gründe: Um 1900 war rund ein Drittel der Weltbevölkerung europäischstämmig (rund 550 Millionen von 1,6 Milliarden). Heute beträgt deren Anteil an der Weltbevölkerung noch 12 Prozent, im Jahre 2050 wird er bei nur noch 6 Prozent liegen.

Das heißt, Europa schrumpft: Die Fertilitätsrate in Europa liegt derzeit bei 1,4 (die notwendige Reproduktionsrate wäre 2,2). Zudem stecken wir inmitten einer Überalterung. Europas Vitalität scheint erschöpft.

Das hat schleichend eine dramatische Minderung des europäischen Einflusses auf das Geschehen in der Welt zur Folge.

Zugleich erleben wir in Teilen einen Hyperindividualismus der vermeintlich schier ewigen Gegenwart und einen dramatischen Funktionsverlust der Familie…… Womit übrigens eine Institution verschwindet, die in die Uranfänge der Menschheit zurückreicht. Dass man Vater und Mutter ehren soll, ist nicht nur ein Gebot des Alten Testaments, sondern Menschheitsüberlieferung. Das hat schleichend eine dramatische Minderung des europäischen Einflusses auf das Geschehen in der Welt zur Folge.

 

Zugleich erleben wir in Teilen einen Hyperindividualismus der vermeintlich schier ewigen Gegenwart und einen dramatischen Funktionsverlust der Familie…… Womit übrigens eine Institution verschwindet, die in die Uranfänge der Menschheit zurückreicht. Dass man Vater und Mutter ehren soll, ist nicht nur ein Gebot des Alten Testaments, sondern Menschheitsüberlieferung.

Vor diesem Hintergrund hat sich in mehr als 2000 Jahren Geschichte das “Europäische” recht konkret herauskristallisiert. Dazu gehören:

— seit der Antike der Erkenntnisdrang mit dem Ziel einer Welterklärung im Logos anstelle einer Weltdeutung im Mythos;

— das Christentum mit seinen Werten sowie mit den Kirchen als Bildungs- und Kulturträgern und als karitativen Einrichtungen;

— die Aufklärung mit dem Verzicht des Staates auf transzendente Kompetenz sowie mit der Entstehung der ersten modernen Demokratie in den USA (1776);

— die führende Rolle von Stadt und Bürgern seit dem Mittelalter;

— die gemeinsamen Traditionen in bildender Kunst, Architektur, Musik, Literatur, Philosophie (mit Verbreitung bis hin nach Japan und China);

— die Überwindung der Ost-West-Blockbildung und der Teilung der Welt von 1945 bis 1989 durch das “Zurück nach Europa” der Länder des ehemaligen Ostblocks seit 1989. (Beachte auch den Beitrag von Papst Johannes Paul II. ab 1980.)

 

  1. Europa muss christlich geprägt sein, oder es wird nicht sein.

 

Für Nietzsche schien klar, dass Europa am Christentum (mit seiner Mitleidsmoral) zugrunde geht. Romano Guardini meinte rund 60 Jahre später: Europa wird christlich sein, oder es wird nicht mehr sein.

Packen wir die Frage praktisch an: Der langjährige bayerische Kultusminister Professor Hans Maier stellt mit seinem Bändchen „Welt ohne Christentum – was wäre anders? (1999) eine interessante Frage: Und er beantwortet sie u.a. wie folgt: Es gäbe keine kirchlichen Feste mehr, keine Jahreseinteilung mit den Fixpunkten Neujahr, Ostern, Pfingsten, Weihnachten, Siebentagewoche. Maier fragt zudem suggestiv: „Wissen wir, ob der Sozialstaat den Untergang der Nächstenliebe überleben würde?“ Die Amerikaner haben mit all dem übrigens erheblich weniger Probleme. „God bless you“ kommt US-Amerikanern problemlos über die Lippen. Und auf der Dollarnote steht „In God we trust“

Die Staats- und Regierungschefs der EU-Länder aber haben und hatten mit Gott ihre Probleme. 2004 konnten sie sich nicht auf einen Gottesbezug im Entwurf einer Europäischen Verfassung einigen. An die Stelle der Verfassung trat später der „Vertrag von Lissabon“. Das Ergebnis in diesem Punkt ist ein Kompromiss ohne ausdrücklichen Gottesbezug. Es wird nur auf das „kulturelle, religiöse und humanistische Erbe Europas Bezug genommen. Ein dezidiert christlicher Bezug fehlt.

Hierzu drängt sich Dostojewski auf. Er sagte: Ist Gott erst tot, dann ist alles erlaubt. Oder: „Wo keine Götter sind, walten Gespenster“, mahnt Novalis in seinem Aufsatz ‚Die Christenheit oder Europa’ von 1799.

Im Zusammenhang mit Christentum müsste man von der Verfolgung von 100 Millionen Christen in 50 Ländern sprechen. Es ist diese die größte Glaubensgemeinschaft der Welt, die wegen ihres Glaubens verfolgt

zum Teil ausgerottet wird. In Europa und Deutschland nimmt man das kaum zur Kenntnis. Aber das ist ein anderes Thema!

Und dennoch: Europa ist auch heute alles andere als post-christlich. 75 Prozent der Europäer und 33 Prozent der Weltbevölkerung sind Christen. Aber die christlichen Wurzeln werden mehr und mehr gekappt.

Nein, es geht schon darum, wie christliche Symbole, Bräuche, Traditionen aus falsch verstandener Toleranz zurückgenommen werden. Ein besonders unrühmliches Beispiel war das Auftreten der obersten Repräsentanten der christlichen Kirchen Deutschlands ohne Bischofskreuz auf dem Tempelberg! Papst Benedikt XVI. hat hingegen auf das Kreuz 2006 bei seinem Besuch der Blauen Moschee nicht verzichtet.

 

Oder x-beliebige weitere Beispiele:

  • Ende 2010 wurde in millionenfacher Auflage ein EU-Kalender an Schulen verteilt. Sämtliche christlichen Feiertage fehlten.
  • In vielen Schulen sind keine christlichen Weihnachtslieder mehr erwünscht.
  • In Kitas findet der „Laternen-Umzug“ „kultursensibel“ ohne St. Martin statt.
  • Dazu passt – zu Ostern – die Werbung der Buchkette Thalia zum „Hasenfest“ („Die spannendsten Geschenke fürs Hasenfest“).
  • Oder Richtlinien in Rheinland-Pfalz zum Umgang mit muslimischen Schülern: Es soll keine Klassenfahrten und keine Klassenarbeiten im Ramadan geben.
  • Oder die Tatsache, dass es des Bundesgerichtshofes bedurfte, ein seltsames Urteil des Landgerichts Wuppertal aufzuheben. Dieses Landgericht hatte sieben Männer freigesprochen, die 2014 mit Warnwesten als Scharia-Police durch Wuppertal patrouilliert waren.
  • In diesem Kontext eine Anmerkung zum Thema „Islam“: Der Islam ist nicht nur eine Religion, sondern mit Koran und Scharia, den Eckpfeilern des Islam, auch eine Rechts- und Gesellschaftsordnung. Diejenigen islamischen Länder, die die Menschenrechtscharta unterschrieben haben, haben diese mit Blick auf die Scharia unter Vorbehalt unterschrieben. Insoweit ist der Islam nicht vereinbar mit dem Grundgesetz. Deshalb kann er sich in toto auch nicht auf die Glaubens- und Religionsfreiheit des GG berufen. Will sagen: Muslime gehören zu Deutschland, aber nicht der Islam!

    Der sog. „moderne Islam“ ist ein Mythos. Siehe Basam Tibi: Er ist Syrer, Moslem und weltweit renommierter Orientalist. Von ihm stammte die Idee von einem aufgeklärten Euro-Islam. Tibi hat diese Vision mittlerweileMan muss den Eindruck gewinnen, dass die deutsche Politik davon nichts wissen will und „Unterwerfung“ im Sinne des Romans „Unterwerfung“ von Michel Houellebeucq praktiziert.

    Dazu zählt auch die ständige Behauptung, die Greueltaten von Al’Quaida oder IS hätten nichts mit dem Islam zu tun. Natürlich haben sie damit zu tun. Diese Taten sind nicht unislamisch, sondern konsequent islamisch (siehe Sabatina James in ihrem Buch „Scharia in Deutschland“, 2015 und andere namhafte islamische Schriftsteller).

    Oder denken wir an die sog. Kinderehen und Genitalverstümmelungen. Siehe etwa die Studie des Bundesfamilienministeriums vom 6.2.2017: In Deutschland sind 47.000 Frauen Opfer von Genitalverstümmelung.

    Von der Relativierung unserer Werte und der Preisgabe unserer Bräuche und Traditionen hatte ich schon gesprochen. Man hat den Eindruck, wir passen uns in einem falschen Verständnis von Toleranz, Vielfalt, Bereicherung und Kultursensibilität unter Preisgabe des uns eigenen Menschenbildes schleichend zu sehr an. Oder schauen zu oft weg.

    Unsere mittel- und osteuropäischen Partner sind diesbezüglich sensibler. In ihrer historischen DNA sind die Sorgen vor solchen Entwicklungen stärker verankert.

     

    1. In Europa machen sich bedenkliche ersatzreligiöse (Groß-) Ideologien breit. Europa muss sich deshalb wieder auf einen antitotalitären Grundkonsens und auf Ideologiekritik besinnen.

     

    Für Viele sind das Soziale oder die Klimakatastrophe oder der Antifaschismus oder die Anti-Atomkraft-Bewegung zur Religion geworden.

    Auch sonst erleben wir alljährlich – selbst auf Kirchentagen – ein Patchwork an Religionsversatzstücken und einen bunten Synkretismus, der alle Gegensätze vereint: Astrologie, Kosmologie, Reinkarnation, Zen Buddhismus, Esoterik, magische und okkulte Praktiken. Dazu kommt der quasireligiöse, sich in Schöpferpose gerierende Genderismus!

    Warum all dies? Weil der Mensch offenbar Religion braucht. Zumindest Religion light!

    1989 verkündete Francis Fukuyama das Ende der Geschichte, und er meinte, dass jetzt die liberale Ordnung gesiegt habe, weil sich alle Ideologien erschöpft hätten. Fukuyama liegt falsch. Richtig liegt Joachim Fest: “Die vom Sozialismus gebundenen Bedürfnisse nach einem Glauben und einer Daseinsbotschaft sind mit dessen Ende ziellos geworden und werden nicht lange damit warten, neue Uniformen anzulegen und unter neuen Fahnen zu neuen Phantasiereichen aufzubrechen.”

    Karl Popper wurde 1971 in einem Streit mit Herbert Marcuse deutlich: “Von allen politischen Ideen ist der Wunsch, die Menschen vollkommen und glücklich zu machen, vielleicht am gefährlichsten. Der Versuch, den Himmel auf Erden zu verwirklichen, produzierte stets die Hölle.”

    Solcher glückverheißender Moralismus ist überhaupt der Versuch, Wissenschaft und Realität durch Moralisieren unschädlich zu machen. Es ist dies der Triumph der Gesinnung über die Urteilskraft. …. Wie die Geschichte gerade des 20. Jahrhunderts zeigt: oft einmündenden in Totalitarismus.

 

  1. Europa muss reflektieren, woran große Kulturen scheiterten.

 

Europa ist gefährdet. Viele wollen davon nichts wissen. Für sie gilt, was Reiner Kunze in seinem Gedicht „Teurer Rat“ (2006) geschrieben hat: „Nicht ratsam ist´s, verfall / Verfall zu nennen / Vor der katastrophe.“

 

Machen wir von Reiner Kunze einen Sprung zurück:

Alexander Demandt („Das Ende der Weltreiche“ bzw. „Der Fall Roms“) schreibt: „Dekadenz ist die Verbindung verfeinerten Lebensstils mit sinkender Lebenskraft, eines Zuviel an Subtilität mit einem Zuwenig an Vitalität.“ Für besonders folgenschwer ist nach Einschätzung von Demandt  die Schwächung des militärischen Bereichs; es gab kaum noch Freiwillige. Karthago und Rom seien untergegangen, weil deren Bürger nicht mehr zur Selbstverteidigung bereit waren.

Aber gehen wir weg von Rom! Der britische Politologe Colin Crouch bezieht seine Sorge nicht nur auf Europa, sondern auf den Fortbestand der Demokratie insgesamt. In seiner Schrift „Postdemokratie“ (2004) sieht Crouch eine Postdemokratie heraufziehen. Postdemokratie sei ein Zustand, so Crouch, in dem die Demokratie institutionell zwar noch funktioniere, in dem sie aber ihre Vitalität eingebüßt habe, weil die Mehrheit der Bürger eine passive, ja apathische Rolle spiele.

Der 2008 verstorbene Samuel P. Huntington rüttelte den Westen mit seinem 1993 erschienenen Aufsatz und seinem dann 1996 veröffentlichten Buch „The clash of civilizations“ („Der Kampf der Kulturen“) auf. Laut Huntington sind die Anzeichen der „inneren Fäulnis“ des Westens unübersehbar: Geburtenrückgang, Überalterung, Zunahme der Asozialität, Auflösung der Familienbande, Zunahme egomanischer Attitüden, Schwinden der Autorität von Institutionen, Hedonismus, Rückgang des Sozialkapitals, d. h. der Mitgliedschaft in Vereinen, das Schwinden des zwischenmenschlichen Vertrauens, Nachlassen des Arbeitsethos und zunehmender Egoismus, abnehmendes Interesse an Bildung …

Und der vormalige Kardinal Ratzinger und spätere Papst Benedikt XVI. im Jahr 2000: „Europa scheint in der Stunde seines äußersten Erfolgs von innen her leer geworden … Es gibt eine seltsame Unlust an der Zukunft … Kinder, die Zukunft sind, werden als Bedrohung der Gegenwart gesehen … Sie werden als Grenze der Gegenwart gesehen.“

Womöglich bedarf es der Herausforderung des Islamismus, damit die inneren Kräfte Europas sich wieder konstituieren. Zugleich gilt unvermindert Georges Santayana: Wer die Geschichte ignoriert, muss darauf vorbereitet sein, sie zu wiederholen.

 

  1. Ein westlicher Masochismus dient weder Europa noch der Weltgemeinschaft.

 

„Die ganze Welt hasst uns, und wir haben es verdient: Dies ist die feste Überzeugung der meisten Europäer, zumindest im Westen.“ Diesen provokanten Satz schreibt der französische Philosoph Pascal Bruckner in seinem 2008 auf deutsch erschienenen Buch „Der Schuldkomplex – Vom Nutzen und Nachteil der Geschichte für Europa“. (Die Originalausgabe ist 2006 übrigens anders überschrieben, nämlich auf deutsch mit: „Die Tyrannei der Buße. Essay über den westlichen Masochismus“.)

Übrigens: Auch Joseph Kardinal Ratzinger sprach im Jahr 2000 vom „Selbsthass des Abendlandes“.

Wahrscheinlich meinen manche gar, die toleranteste Kultur sei die, die sich einer anderen gar nicht mehr zumutet, indem sie sich abschafft.

Leider aber verhält sich die politische Klasse in Europa bisweilen wie Jakob Biedermann in Max Frischs Einakter „Biedermann und die Brandstifter“ von 1958. Darin nisten sich bei dem Haarwasserfabrikanten Jakob Biedermann der Ringer Josef Schmitz und der Kellner Eisenring im Dachboden ein. Biedermann will die Gefahr der Brandstiftung selbst dann noch nicht wahrhaben, als Schmitz und Eisenring Benzinfässer und Zündschnüre in den Speicher schleppen und bereits Nachbarhäuser brennen. Biedermann bietet sogar Streichhölzer an. Er will die Realität nicht wahrhaben: „Blinder als blind ist der Ängstliche, / Zitternd vor Hoffnung, es sei nicht das Böse, / Freundlich empfängt er`s, / Wehrlos, ach, müde der Angst, / Hoffend das Beste . . . / Bis es zu spät ist.“

 

  1. Die Grenzen der Toleranz sind dort, wo Intoleranz beginnt.

 

Mit der Gesinnungsdiktatur einer „Political Correctness“ geben wir Europa preis.

Das tun selbst die sog. Bürgerlichen in diesem unserem Lande. Auch bei ihnen greift eine Prinzipien-Schmelze um sich. Es fehlt der Kompass, es fehlt ein Wertekanon; statt Prinzipien gibt es Situations-Ethik. Aus reiner Bequemlichkeit oder aus Sorge, einmal einen kritischen Kommentar eines „Gutmenschen“ zu bekommen, beugt man sich dem „Mainstream“.

Damit aber wird die „Schweigespirale“ weitergedreht. Dieser „Mainstream“ besagt: Alles ist gültig. Alles ist gleich. Alles ist gleich gültig, gleichgültig. Toleranz wird damit zur Farce. Aber eines dürfte dabei auch klar sein: Begegnen sich Toleranz und Intoleranz, siegt die Intoleranz. Oder mit anderen Worten: Toleranz endet dort, wo sie Intoleranz zu dulden beginnt.

Konkret: Eine schleichende Islamisierung bestimmter Gegenden, Stadtteile in Deutschland bzw. der zunehmende Einfluss auch auf den Schulalltag darf nicht mit dem naiven Argument der „Bereicherung“ geduldet werden. Für den Holocaust-Überlebenden Ralph Giordano wäre dies „Duckmäuserei“ (FAZ, 3.5.09). Wir müssen auch aufräumen mit dem Mythos vom toleranten Islam, z.B. in Spanien (912 – 1031). Allein die Schädelminarette sind Beweis gegen die Annahme des toleranten Islams.

 

  1. Identität entspringt konzentrischen Identitätskreisen. Der Kern von Identität ist diejenige, die sich aus der Familie schöpft. Darum herum folgt als erster und nächster konzentrischer Kreis die Heimat, dann die Nation, dann Europa, dann ggf. ein Weltbürgertum.

 

Mit anderen Worten: Europäische Identität und nationaler Patriotismus sind zwei Seiten ein und derselben Medaille. Europäische und nationale Identität sind zwei Seiten ein und derselben Medaille „Identität“.

 

Ortega y Gassets beschreibt es 1929 so: „Machten wir heute eine Bilanz unseres geistigen Besitzes …, so würde sich herausstellen, dass das meiste davon nicht unserem jeweiligen Vaterland, sondern dem gemeinsamen europäischen Fundus entstammt. In uns allen überwiegt der Europäer bei weitem den Deutschen, Spanier, Franzosen …; vier Fünftel unserer inneren Habe sind europäisches Gemeingut.“

Dies bekommen die jungen Leute zu wenig vermittelt. Aber gerade die junge Generation braucht einen Impuls zur Entwicklung einer zugleich nationalen und europäischen Identität. Die Basis dafür wäre ein Verständnis von einem Europa der Vaterländer (de Gaulle).

Hierzu würde sogar die Vorstellung von einem europäischen Patriotismus passen, nämlich europäische und nationale Identität nicht als Gegensatz, sondern als Ergänzung. Beide Identitäten sind zwei Seiten ein und derselben Medaille, wie es der jüngst verstorbene Bundeskanzler Kohl immer wieder ausgedrückt hat.

Es ist auch ein Irrweg zu glauben, man könne Patriotismus auf Verfassungspatriotismus reduzieren. Denn Verfassungspatriotismus erfasst nur das bloße rationale Bekenntnis zu einem Rechtssystem, so wichtig das ist. Damit aber sind keine emotionalen Bindungen gestiftet. Nur Verfassungspatriotismus, das wäre so, wie wenn man das Fußballspiel nur wegen seiner Regeln mögen dürfte.

 

Positiv ausgedrückt:

  • Patriotismus beugt allen Übersteigerungen, wie Nationalismus, Radikalismus und Extremismus, vor.
  • Patriotismus und Nationalismus lassen sich klar unterscheiden: Nationalismus ist Hass auf andere, ist Freund-Feind-Denken;
  • Patriotismus ist Liebe zum Vaterland, zur Heimat – ohne Überheblichkeit, ohne “Hurra”, ohne Taumel und ohne Völkisches.

 

Das impliziert, dass ein Staat, wie es die EU-Staaten sind, Grenzen haben darf. Peter Sloterdijk spricht davon, dass wir ein Lob der Grenze verlernt haben. Er kritisiert die typisch deutsche Haltung, eine Grenze sei dazu da, sie zu überschreiten. Sloterdijk weiter: Es gibt keine moralische Pflicht zur Grenzenlosigkeit oder gar zur Selbstzerstörung.

 

Jedenfalls wäre für Europa nicht zuletzt vor dem Hintergrund den Entwicklungen in den USA und im Nahen Osten das Motto angesagt: „Make Europe Great Again!“

 

Es ist auch ein Irrweg zu glauben, man könne Patriotismus auf Verfassungspatriotismus reduzieren. Denn Verfassungspatriotismus erfasst nur das bloße rationale Bekenntnis zu einem Rechtssystem, so wichtig das ist. Damit aber sind keine emotionalen Bindungen gestiftet. Nur Verfassungspatriotismus, das wäre so, wie wenn man das Fußballspiel nur wegen seiner Regeln mögen dürfte.

 

Positiv ausgedrückt:

  • Patriotismus beugt allen Übersteigerungen, wie Nationalismus, Radikalismus und Extremismus, vor.
  • Patriotismus und Nationalismus lassen sich klar unterscheiden: Nationalismus ist Hass auf andere, ist Freund-Feind-Denken;
  • Patriotismus ist Liebe zum Vaterland, zur Heimat – ohne Überheblichkeit, ohne “Hurra”, ohne Taumel und ohne Völkisches.

Das impliziert, dass ein Staat, wie es die EU-Staaten sind, Grenzen haben darf. Peter Sloterdijk spricht davon, dass wir ein Lob der Grenze verlernt haben. Er kritisiert die typisch deutsche Haltung, eine Grenze sei dazu da, sie zu überschreiten. Sloterdijk weiter: Es gibt keine moralische Pflicht zur Grenzenlosigkeit oder gar zur Selbstzerstörung.

 

Jedenfalls wäre für Europa nicht zuletzt vor dem Hintergrund den Entwicklungen in den USA und im Nahen Osten das Motto angesagt: „Make Europe Great Again!“

 

Josef Kraus

 

-hjl-

 

Foto: Schnur/Lodermeier

 

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